Unser Urlaubsdomizil hatten wir in dem kleinen Örtchen Ranzow aufgeschlagen, das
nur aus wenigen Häusern besteht, die von Hügelgräbern förmlich umzingelt sind.
Von da geht ein schöner Wanderpfad zum Königsstuhl.
Nach etwa einem Kilometer durch den Wald kommt man an einem Hügelgrab mit einem
Schalenstein (namens "Pfennigstein") vorbei, wo wir auch gleich einen
symbolischen Pfennig als Dankeschön opferten. Weiter am Weg befindet sich der
sogenannte "Opferstein".
Einige findige Vertreter der Tourismusbranche meinten
hier wohl den schönen Findling mit Näpfchenvertiefungen für die
sensationsgierigen Touris etwas mit roter Farbe aufpeppen zu müssen. Wirklich
schade, da sollte man dringend mit Bürste und Scheuerpulver hin!
Und wie ich gerad in dem wirklich empfehlenswerten Buch "Magische Steine" von
Jan Mende lese, sind diese "Opfersteine" von einem Bauern im 19. Jh. erst extra
aufgestellt worden, um "Fremden etwas zeigen zu können". Na, das tuen sie heute
noch, da passt die rote Farbe ja.
Doch weiter auf dem Weg, kurz vor dem
Königsstuhl befindet sich der Herthasee. Im 19. Jh., als die Deutschen ihre
Nationalität und die Germanen als ihre Ahnen wiederfanden, wurde der Herthasee
fälschlich für einen Kultort der Göttin Nerthus gehalten. Aber warum fälschlich?
Vielleicht haben unsere Ahnen nicht an diesem Gewässer geopfert, vielleicht
war ihnen der Teich nicht heilig, der Göttin aber ist sicher jeder Teich heilig.
Und etwas heiliges hat er schon, der Herthasee - man sollte natürlich hingehen,
wenn nicht gerade gigantische Touristenherden sich achtlos am See vorbei
zum Königsstuhl hochwälzen.
In diesem Falle sollte man sich dem Ostufer des
Herthasees zuwenden, wo noch steile, gut erhaltene Erdwälle von einer einstigen
slawischen Burganlage des 11./12. Jh. zeugen. Diese Slavenburg war einer der
letzten umkämpften Stützpunkte & Zufluchtsort der Slaven vor den christianisierenden
Dänen, die 1168 ganz Rügen unterjochten.
Weiter Richtung Königsstuhl gelangt man
zur Golchaschlucht, wo man serpentinartig entlang der Golchaquelle zum Strand
hinabsteigen kann. Der Auf- & Abstieg ist atemberaubender (In zweierlei Hinsicht
;)) als der Anblick, der sich vom Strand zum Königsstuhl bietet. man kennt ihn
einfach schon von jeder Postkarte...
Deshalb hatten wir auch keine Lust den "Eintritt" zu zahlen, nur um direkt vom
Königsstuhl zum Meer blicken zu können. Doch der Kostenpflichtige Zutritt führt
direkt über ein bronzezeitliches Hügelgrab, das sich direkt in den Kreideklippen
über über der Ostsee befindet. Nach einer Sage hat der Königsstuhl daher seinen
Namen, daß der mutigste Bewohner Rügens, der es schaffte den 119m hohen Felsen
von der Seeseite aus zu besteigen, auf dem Kreidefelsen zum König bestimmt
wurde.
Das sogenannte "Steinerne Meer" liegt zwischen Mukran und Prora und nimmt eine
Fläche von ca. 40 ha ein. Das etwa 2 km lange Feuersteinfeld liegt etwas abseits
der Straße im Wald und besteht aus 14 aufgeschobenen Steinwällen, die zu ca 90%
aus Feuersteinen besteht. Eine Serie von Sturmhochwassern bewirkte vor 3500-4000
Jahren die Formierung der Steinwälle, die von der Kreideküste der Jasmunder
Halbinsel bis dahin transportiert wurden. 1935 wurden die Feuersteinfelder mit
ihrer einzigartigen Heidelandschaft zum Naturschutzgebiet erklärt.
Wenn man die Landstraße von Lancken-Granitz aus Richtung Südwesten nach Burlewitz/Groß Stresow fährt, gelangt man an einige Felder auf denen sich 1829 noch 19 Großsteingräber befanden. Heute kann man immerhin noch 7 Stück bestaunen. Alle sind auf dieselbe Art gebaut: Großdolmen, deren Kammern aus 3 Deckplatten bestehen, befinden sich innerhalb rechteckiger Hünenbetten oder einem Steinkreis. Ein Gang an der Stirnseite führt ins Innere der Kammer, die mit zwei Türplatten verschlossen werden konnte. Zwei Grabkammern sind noch von Erdhügeln bedeckt, von denen eine noch begehbar ist. Die Großsteingräber von Lancken-Granitz waren Sippengräber der Jungsteinzeit, in denen die Knochen und Gebeine mehrerer Generationen einer Familie gefunden wurden.
Hier stand der berühmte Svantevit-Tempel, der inzwischen längst von den
Ostseewellen umspült wird.
Svantevit war der slawische Licht- & Sieggott, der Gott der Götter. Er hatte
vier Gesichter, eins für jede Himmelsrichtung, und hielt ein Schwert und in
seiner Rechten ein Methorn in Händen. Erntedank war der Höhepunkt seines Kultes.
Seine Priester füllten jedes Jahr sein Trinkhorn mit Met und sagten 1 Jahr
später nach dem Schwund der Flüssigkeit die Ernte voraus. Zu Svantevit gehörte
auch ein Pferd, ähnlich wie Sleipnir zu Odin. Mit Hilfe der Pferde, die man im
Svantevittempel hielt, wurde Erfolg oder Niederlage bevorstehender Feldzüge
geweissagt. Trat das Pferd mit dem rechten Fuß zuerst über die vor dem Heiligtum
liegende Lanzenreihe, galt das als gutes Omen.
Das Svantevitorakel genoss so großes Vertrauen, daß er Geschenke aus allen
Slavenländern erhielt, und selbst von nichtslavischen Nachbarn wurden ihm Gaben
geschickt. Geopfert wurde Wein und ein runder Honigkuchen, der so groß sein
musste, daß man den dahinterstehenden Priester nicht sah. Dann erfolgte ein
üppiges Gelage, bei dem niemand nüchtern bleiben durfte.
Rügen war die letzte Feste des slavischen Heidentums und Arkona der Haupttempel
aller Slaven. Nachdem Deutsche, Dänen und später auch die christianisierten
Polen die Slaven vom Festland vertrieben oder zwangschristianisiert hatten,
flüchteten sie ins Meer. Die Ostseeslaven, die tüchtige Seefahrer und Händler
waren, und die ganze Ostsee beherrschten, daß selbst die Wikinger nicht gegen
sie bestehen konnten, wurden nun Seeräuber und Rügen wurde ihr berüchtigtes
Piratennest. Nun arbeiteten die Slaven mit den Wikingern zusammen, um sich an ihren
Gegnern - vor allem den Dänen - zu rächen. Eine Wende trat erst 1157 ein, da
eine slavische Flotte von 1500 Schiffen vor der norwegischen Küste von einem
Sturm vernichtet wurde. Durch diese Schwächung der slavischen Seemacht gelang es
König Waldemar von Dänemark seine 10-jährige Offensive gegen Rügen zu starten.
1165 wurden die Ranen kurzzeitig sogar lehnspflichtig gegenüber Dänemark, doch
1167 konnten sie sich dafür nochmals durch Verheerung der dänischen Küste
rächen. Das letzte Mal. Denn 1168 rüstete König Waldemar auf Zureden des
Bischoffs Absolom ein gewaltiges Heer und zog mit Unterstützung von Heinrich dem
Löwen gen Rügen, um die Unabhängigkeit der Ranen zu brechen. Nach Belagerung der
Jaromarsburg erstürmten die Dänen, nachdem sie an einer unbewachten Stelle
Feuer gelegt hatten, die Burg und vernichteten den Svanevit-Tempel in seinem
Inneren. Das Standbild des Svanevit wurde gestürzt, geschleift, zerhackt und
anschließend verbrannt. Die heidnischen Fürsten mussten sich der dänischen
Oberhoheit unterwerfen und König Waldemar Treue schwören. Rügen wurde 1169 dem
Bischoff Absolom von Roskilde unterstellt, der auf Arkona sofort das erste
christliche Gotteshaus auf Rügen errichten ließ.
Heute ist auf Arkona leider kaum noch etwas zu sehen. Nur ein Teil des äußeren
Burgwalls, der sich immer noch mächtig erhebt, zeugt von der einstigen Größe der
Anlage. Unternommene Ausgrabungen in den 90er Jahren des 20. Jh. haben hässliche
Löcher in den Wiesen hinterlassen, in dene sich der Müll der vielen Touristen
sammelt. Nur zwei Infoschilder berichten dem Interessierten von diesem
geschichtsträchtigen Ort. Vielleicht gibt`s in dem kleinen Türmchen vor Ort etwas
zu sehen? Als wir im Februar da waren, war er leider geschlossen. Das einzigste
was einen tief im Herzen spüren lässt, wo man sich befindet, ist die
wunderschöne, neugestaltete Svanevitskulptur.
Quellen:
HG "Rügen"
Jan Mende "magische Steine"
Zdene Vena "Die Welt der alten Slaven"
Müller-Willw "Opferkulte der Germanen und Slaven"