Das Palästinalied

Álrêrst lébe ich mir werde,
sît mîn sündic ouge siht
daz réine lant und ouch die erde,
der man sô vil êren giht.
ez ist geschehen, des ich ie bat:
ích bin komen an die stat,
dâ got menischlîchen trat.

Jetzt erst lebe ich würdig,
seit mein sündiges Auge erblickt
das reine Land und auch die Erde,
der man so viel Verehrung entgegenbringt.
Es ist eingetroffen, worum ich stets gebeten
ich bin an die Stätte gekommen,
wo Gott als Mensch gegangen ist.

Schoeniu lant, rîch unde hêre,
swaz ich der noch hân gesehen,
sô bist dûs ir aller êre.
waz ist wunders hie geschehen!
daz ein magt ein kint gebar,
hêre über áller engel schar,
wáz daz niht ein wunder gar?

Schöne Länder, reich und herrlich,
was ich von solchen bis heute gesehen habe,
so bist du die Krone von allen.
Was für ein Wunder ist hier geschehen!
Daß eine Jungfrau ein Kind gebar,
erhaben über die ganze Schar der Engel,
war das nicht ein vollkommenes Wunder?

Hie liez er sich reine toufen,
daz der mensche reine sî.
dô liez er sich hie verkoufen,
daz wir eigen wurden frî.
anders waeren wir verlorn.
wól dir, spér, kriuze únde dorn!
wê dir, heiden, dáz ist dir zorn!

Hier ließ er, der Sündenlose, sich taufen,
damit der Mensch sündelos sei.
Dann ließ er sich hier verkaufen,
damit wir Unfreie frei würden.
Sonst wären wir verloren.
Heil Dir, Speer, Kreuz und Dorn!
Weh Dir, Heidenschaft, das ist Dir ein Ärgernis!

Dô ér sich wolte über úns erbarmen,
dô leit er den grimmen tôt,
ér vil rîch über úns vil armen,
daz wir komen ûz der nôt.
daz in dô des niht verdrôz,
dâst ein wunder alze grôz,
aller wunder übergenôz.

Da er sich unsrer erbarmen wollte,
da erlitt er den grausamen Tod,
er, der Allmächtige, für uns so Armselige,
damit wir der Not entkämen.
Daß ihm das damals nicht zuviel war,
das ist ein übergroßes Wunder,
ein Wunder, das seinesgleichen nicht hat.

Hinnen vuor der sun ze helle,
vón dem grábe dâ ínne lac.
des wás der vater ie geselle
únd der geist, den nieman mac
sunder scheiden, éz sî ein,
sleht und ebener danne ein zein,
als er Abrahâme erschein.

Von hier fuhr der Sohn zur Hölle,
aus dem Grabe, worin er lag.
Dabei war stets der Vater Beistand
und der Geist, den niemand kann
von ihnen sondern, es soll eines sein,
klar und einheitlicher als ein Lichtstrahl,
so wie er Abraham erschien.

Dô ér den tuifel álsô geschande
daz nie keiser baz gestreit,
dô vuor ér her wíder ze lande.
dô huob sich der juden leit:
dáz er, hêrre, ir huote brach
und dáz man ín sît lebendig sach,
dén ir hant sluog unde stach.

Als er den Teufel so zuschanden gemacht hatte,
wie ihn kein Kaiser besser bekämpft hätte,
da kam er wieder zurück ins Land.
Da hob der Juden Verhängnis an:
Daß er, der Herr, ihre Bewachung durchbrach
und daß man den seither lebend sah,
den ihre Hand geschlagen und durchstochen hatte.

In daz lant hât er gesprochen
einen angeslîchen tac,
dâ der weise wirt gerochen
und diu witwe klagen mac
und der arme den gewalt,
den man hât mit in gestalt.
wol im dort, der hie vergalt!

Für das Land hat er angekündigt
einen schrecklichen Gerichtstag,
an dem der Waise gerächt werden wird
und die Witwe Klage erheben kann
- und der Arme - gegen die Gewalt,
die man ihnen angetan hat.
Wohl dem dort, der hier gesühnt hat!

Únserre lántréhter tihten
fristet dâ niemannes klage,
wan er wíl dâ zé stunt rihten.
sô íst ez an dem lesten tage.
und swer deheine schulde hie lât
unverebent: wie der stât
dórt, dâ er pfánt noch bürgen hât.

Nicht wie beim Wirken unserer Landrichter
schiebt man da niemandes Klage auf,
denn er wird da sofort Recht sprechen.
So wird es am Jüngsten Tage sein.
Und wer irgendeine Schuld hienieden zurückläßt -
ungetilgt: Wie steht der da,
dort, wo er weder Pfand noch Bürgen hat.

Kristen, juden und die heiden
jehent, daz díz ir erbe sî.
gót, müeze éz ze rehte scheiden
durch die sîne namen drî.
al diu werlt, diu strîtet her:
wir sîn an der rehten ger.
reht ist, daz er uns gewer!

Christen, Juden und die Heiden
behaupten, daß dies ihr Erbe sei.
Gott möge es rechtens entscheiden
um seiner drei Wesenheiten willen.
Die ganze Welt, die liegt hierüber im Streit:
Wir haben einen berechtigten Anspruch.
Recht ist, daß er es uns zuspricht!

Ír lât iuch des niht verdriezen,
daz ich noch gesprochen hân?
sô wil ich die rede entsliezen
kurzwîlen und iuch wizzen lân,
swáz got wúnders hie noch lie,
mit der werlte ie begie,
daz huob sich dort und endet hie.

Ihr seid dessen nicht überdrüssig,
was ich bis jetzt gesprochen habe?
Dann will ich die Rede weiterführen
in Kürze - und Euch kundtun,
was Gott an Wundern hier noch werden ließ
und für die Welt ins Werk gesetzt hat,
das hub dort an und wird hier enden.

Da nâch was er in dem e lande
vierzic tage, dô vúor er dar,
dannen in sîn vater sande.
sînen geist, der uns bewar,
dén sant ér hin wider ze hant.
heilig ist daz selbe lant,
sîn náme, der íst vor got erkant.

Danach war er in dem Lande
vierzig Tage, dann begab er sich dorthin,
woher sein Vater ihn gesandt hatte.
Seinen Geist, der uns beschützen möge,
den sandte er sogleich wieder her.
Heilig ist eben dieses Land,
sein Name, der ist vor Gott anerkannt.
das hub dort an und wird hier enden.

Mê dann hundert tûsent wunder
hie in disem lande sint,
dâ von ich niht mê besunder
kan gesagen als ein kint,
wan ein teil von unser ê.
swem des niht genúoge, der gê
zúo den júden, die ságent im mê.

Mehr als hunderttausend Wunder
sind hier in diesem Lande,
von denen ich im einzelnen nicht mehr
sagen kann als ein Kind,
außer etwas von unserem Recht.
Wem dies nicht genügt, der gehe
zu den Juden, die sagen ihm mehr.

Walther von der Vogelweide