UAMBALI UANAGGI

UAMBALI UANAGGI
Der Schatten des Adlers


Etwas südlich des Stadtzentrums von Edmonton/Alberta, unmittelbar neben einem kleinen Park, saß im Schaufenster eines Comic-Antiquariates regungslos eine Katze. Als ich dort auf meinen Neffen wartete, der sich in den Tiefen des Antiquariates verloren und vergessen hatte, dachte ich anfangs, die Katze sei Dekoration - so unbeweglich saß sie zwischen den alten und teils vergilbten, in Rückstich gehefteten Bildergeschichten. Bis zu jenem Moment, in dem sich die Schwanzspitze der Katze um Millimeter bewegte und sie auffällig sichtbar meinen unsicheren Blick erwiderte. Ich lächelte erleichtert, konnte ich es mir doch schwer vorstellen, dass der Betreiber jenes Geschäftes eine ausgestopfte Katze zur Dekoration verwendete.

Eine Stimme dicht hinter mir sprach mich leise an: "Have you a Cigaret?" Ein junger, höchstens sechzehn Jahre alter Indianer und wenige Meter davon am Rande des Parkes eine Gruppe ebenso junger Männer, Weiße, Ureinwohner und ein Schwarzer, die mich lauernd beobachteten, lenkten meine Gedanken von der Katze und meinem zeitweilig abhanden gekommenen Neffen ab. Ich holte die Packung Players hervor und hielt sie geöffnet dem Jungen entgegen. Er bediente sich schüchtern lächelnd, und ich bot ihm Feuer. "Thank you, have you a Dollar, I'm dursty." Ich zerrte mein Portemonnaie aus der Enge meiner Jeans-Gesäßtasche, kramte kurz darin herum und reichte ihm die gewünschte Münze. "Thank you", und nun wesentlich leiser - "have you a dope?" Mindestens ein Dutzend Augenpaare musterten mich gespannt aus der Richtung des Parkes. Ich verneinte, sagte dem Jungen, dass ich damit nichts am Hut hätte und er sich mit dem zufrieden geben müsse, was er bisher von mir erhielt. Ehrlich, wohl war mir nicht. Mein Begleiter tauchte wie mir schien, Ewigkeiten lang nicht auf. Dann entdeckte ich zu meiner Erleichterung links von mir den "Büffeljäger" aus einer etwa anderthalb Tage zurückliegenden Begegnung. Es folgte eine herzliche Begrüßung, und der Junge samt der Clique waren mit einem Mal verschwunden. So bemerkte ich meinen Neffen erst, als er unmittelbar neben mir stand. Es sollte der letzte Tag unseres Aufenthaltes in Edmonton sein. Letztlich verließen wir die Stadt erst zwei Tage später, was wir zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht einmal ahnten. Die wenigen Tage die wir in der Hauptstadt der Provinz Alberta verbrachten, bewirkten mehr als alles andere bisher in meinem Leben. Uambali uanaggi - der Schatten des Adlers war mir zum allerletzten Mal ganz nah. Aber auch das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.


Der Mann, der nach Anbruch der zweiten Morgenstunde die Nude Bar verließ, stand auf unsicheren Beinen eine Weile herum, so als müsse er erst einen klar definierbaren Orientierungspunkt für den anzutretenden Heimweg finden. Die spärliche Beleuchtung in dieser Straße verwirrte ihn offensichtlich. Er stammelte in einer landesfremden Sprache und unter der vollständigen Vernachlässigung der Konsonanten vor sich hin. Dann wandte er sich mit einer übertrieben vorsichtigen Drehung nach rechts und stolperte südwärts in den um diese Zeit vollständig unbelebten Teil der Stadt.

Hank drückte sich in den nachtschwarzen Schatten eines Hauses. Alles in ihm war gespannt. Seine Augen, gleich denen eines Jägers, folgten den Fremden. Schräg ihm gegenüber auf der anderen Straßenseite wusste Hank einen seiner Freunde. Der schwarze Paul verschmolz mit seiner Hautfarbe und in seinem dunklen Kapuzenshirt vollständig mit der Dunkelheit. An der nächsten Straßenecke drückte sich Phil flach an eine Hauswand und war so ebenfalls nicht zu sehen. Es war nicht das erste Mal, daß sich die Jungs eines der Besucher jener Bar "annahmen". Die Gäste dieses Unterhaltungsetablissiments konnten nur über ausreichend Geld verfügen, mehr Geld in einer Tasche als es Hank je auf einmal gesehen hatte. Selbst nach einem Besuch der Bar musste noch genügend in den Taschen zu finden sein, um eine Weile für ausreichend Zigaretten, Alkohol oder den Stoff für mehrere Joints zu sorgen. Als der Fremde Hank passiert hatte, ohne ihn freilich wahrzunehmen, löste sich der Junge aus dem Schatten und folgte ihm lautlos. Kurz darauf huschte Paul geduckt schräg über die Straße. Als der Mann die Hausecke erreichte, stand plötzlich wie aus dem Nichts Phil vor ihm. Phil hielt sein Messer mit der Springklinge noch verdeckt im Ärmel seiner Jacke. Der Fremde blieb unsicher stehen und starrte Phil an. Dann versuchte er in einem übertrieben weit ausholenden Bogen an dem Jungen vorbeizukommen. Phil trat ihm erneut in den Weg. Der Fremde offenbarte nun seine aufsteigende Unsicherheit. "Ssei ssso gutt und lass mich vorbei; i-mmmuss in Bett, wennchs heue noch fffinne." Phil verstand kein Wort, und es war ihm auch egal. Hank war herangekommen. Der packte den Sakko des Fremden von hinten jeweils an Knopf- und Knopflochleiste und zog ihn rückwärts über Schulter und Arme des Mannes zusammen. Phil zog ihn an der Krawatte nach unten und der nun auch gegenwärtige Paul durchsuchte die Taschen des Hilflosen.

Gerade hatte Paul eine voluminöse Brieftasche geortet, als der Überfallene durchdringend losbrüllte und mit dem rechten Fuß nach hinten austrat. Der traf Hanks Schienbein, und Hank ließ für einen Moment den Sakko los. Der Mann brüllte erneut und schlug nun wenig zielgenau mit der Faust nach Phil, der damit aber überhaupt nicht gerechnet hatte. Dieses unverhoffte Aufbegehren des Opfers reichte für einen Moment der Befreiung. Der Fremde versuchte jetzt, seitlich auszubrechen. Er stolperte über ein gestelltes Bein Pauls und schlug der Länge nach auf den Fußweg, mit der rechten Seite des Kopfes auf die Bordsteinkante. Selbst in diesem spärlichen Licht, war die sich ausbreitende dunkle Lache deutlich zu erkennen. Die Jungs erstarrten und sahen sich hilflos mit schreckgeweiteten Augen an. Irgendwo aus der Richtung der Jasper Avenue ertönte die Sirene eines Polizeifahrzeuges. Wie ein Spuk lösten sich die drei Schatten in Nichts auf.


Der alte Jerome verfolgte den Flug des Adlers, der sich aus den Pinien des gegenüberliegenden Berghanges gelöst hatte. In der heißen Stille dieses Frühsommertages schrillte der Schrei des Vogels einsam über das Weideland dieses weiten Hochtales. Immer höher zog der Adler weite Kreise ohne einen Flügelschlag, um dann schließlich über den Gebirgskamm in Richtung Thompson River abzustreichen. Der Adler begleitete Jeromes späte Jahre seit der Zeit, als dieser endlich der Stadt Edmonton und einem hoffnungs- wie inhaltlosem Leben den Rücken gekehrt hatte. Hier in der Shushwap-Reservation hatte er Aufnahme bei Pete dem Pferdezüchter gefunden. Es spielte keine Rolle, dass er einem anderen Volk, dem der Sioux entstammte. Jerome war glücklich, wieder mit Pferden zu tun zu haben und der unverbauten Erde nahe zu sein. Pete schließlich war froh, jemanden bei der Hand zu wissen, der selbst als ausgesprochen schwierig geltende Pferde innerhalb kurzer Zeit sanft unter den Sattel brachte.

Der Alte erinnerte sich ungern an den Moment seines Abschiedes. Norman, sein Sohn, hatte die Traurigkeit darüber hinter einem offenen, allerdings gespielten Ärger versteckt. Er war keinem der logischen Argumente zugänglich. "Ate, was versprichst du dir davon. Du wirst alt und allein irgendwo sterben. Wir werden nicht wissen, wann deine Zeit kommt und wann du uns brauchst. Außerdem - wer soll deinem Enkel die alten Geschichten erzählen?" Jerome hatte gelächelt. Es rührte ihn, wenn ihn der Sohn 'Vater' in der Sprache seines Volkes nannte. Viele der in den Städten Lebenden verstanden zwar noch das Wesentliche des in dieser Sprache Gesagten, aber sich selbst darin ausdrücken konnte kaum noch jemand, schon gar nicht die der jüngeren Generationen. Die Melodie der alten Worte war mehr und mehr der Zungenakrobatik der gequirlten Rede gewichen. Was sollte er noch in der Stadt und im Haus seines Sohnes in unmittelbarer Nachbarschaft des städtischen Polizeihauptquartiers? Er hatte über viele Jahre auf dem Bau gearbeitet. Es war jene Phase, als sich knapp sechzig Jahre nach dem Boom der ersten Gründerzeit die Stadt zu einer modernen nordamerikanischen Großstadt mit den durch die himmelhohen gläsernen Türme gekennzeichneten Downtown mauserte. Damals gab es reichlich Arbeit, und viele der Natives kamen aus den Reservationen, wo es so gut wie nichts für sie zu tun gab, in die Stadt. So auch Jerome, der damals den weiten Weg aus der Pine Ridge Reservation in South Dakota/USA auf sich genommen hatte. Er selbst hatte es mit dieser Arbeit nicht einmal ansatzweise zu Wohlstand gebracht. Es reichte gerade, um eine Frau, fünf Kinder sowie über etliche Jahre seine Mutter und auch zeitweise die Schwiegereltern zu ernähren. Und danach - sollte er die Träume, die ihm immer häufiger kamen, zwischen Stahl, Glas und Beton oder der Ansammlung heruntergekommener Holzhäuser in denen seinesgleichen lebte, immer wieder von Neuem in Nichts zergehen sehen? Ein Kapitel war abgeschlossen. Zurück blieben die Nachkommen derer, die sich einst eine Teilnahme am Leben der Weißen erhofften, und ihnen blieben die alten verfallenden Holzhäuser, einst von den Arbeitgebern ihren Vätern zur Verfügung gestellt. Die nächste Generation fand, wenn es gut ging, Gelegenheitsjobs oder einfach nur die Überflüssigkeit eines Seins am Rande der von den Vätern geschaffenen Symbole des Wohlstandes. Jerome hatte Pete vor Jahren am Rande eines Pow Wow kennengelernt, seine wenigen Sachen gepackt, sich von seinem Sohn, der Schwiegertochter und dem Enkel verabschiedet und war kurzerhand zu Pete in dessen alten Ford gestiegen.

Jerome unterbrach seinen Ausflug in die Erinnerungen. Der Adler war in das Tal zurückgekehrt und trug unübersehbar eine Beute in den Fängen. In der senkrechten, nahezu gleichmäßig dreieckigen Felswand, welche über dem Nordufer des langgezogenen Sees aufragte, wenige Meter unter der Spitze, befand sich der Adlerhorst. Mit dem Anflug des Adlermännchens löste sich das Weibchen aus der Felswand. Es mussten mehrere Junge im Nest sein, wenn beide Elternteile fast unablässig unterwegs waren, um den Hunger des Nachwuchses zu stillen.

Die Ruhe, der Blick über das überwiegend prärieartige Hochtal und der Schrei des Adlers führten Jerome immer und immer wieder auf die Spur eines vagen Erinnerns. Und wenn es eine seiner Erinnerungen war, musste deren Ursprung lange zurückliegen. Mitunter kreuzte sich dieses Erinnern mit einem immer wiederkehrenden Traum, sodass es ihm inzwischen nicht mehr möglich war, Traum von realem Erinnern zu unterscheiden. In diesen Träumen war er ein Kleinkind auf den starken Armen eines Mannes. Die Sonne schien, aber die Umgebung war gleichzeitig grau und düster. Er hörte das Rascheln des Präriegrases im Wind und das Weinen eines kleinen Mädchens wie auch das einer Frau. Dann spürte er den Schatten großer ausgebreiteter Schwingen, weniger dass er ihn sehen konnte. Es war ein Hauch, der bis in seine innersten Tiefen drang. Und danach wandelte sich die Umgebung in Helle und Farbigkeit. Je älter Jerome wurde, um so klarer kamen die Bilder seiner Kindheit zu ihm zurück, aber jenes Traum-Erinnern blieb so diffus wie es von Anfang an war.


Norman hieß seinen Sohn fast wortlos die wichtigsten Sachen zu packen. Hanks Mutter schien innerlich erstarrt. Sie hatte sich still in eine Ecke der Küche zurückgezogen und starrte auf die gerahmte Reproduktion eines Gemäldes - ein Kriegshäuptling der Lakota auf dem Rücken eines Mustang, die ausgebreiteten Arme und das Gesicht der aufgehenden Sonne zugewandt; darunter die Worte: "Great Spirit, guide me today". Hank war verwirrt. Er wusste nicht, was sein Vater vorhatte. Galt das Packen seiner Sachen einem längeren Gefängnisaufenthalt? Die Ungewissheit war unerträglich. Sein Vater hatte über das Geschehene kein Wort verloren - nichts, kein Vorwurf, kein Anzeichen von Trauer oder Bestürzung. Normans Gesicht glich einer leblosen Bronzemaske, die Augen fast schwarz und ohne eine Spur des sonst so lebhaften Glitzerns in ihnen. "Den Walkman brauchst du nicht". Norman zog mit einer für die Situation ungewöhnlichen Sanftheit seinem Sohn die Kopfhörer herunter. Wieso sollte Hank den Walkman nicht mit ins Gefängnis nehmen dürfen, und - wo blieb die Polizei? Norman schob seinen Sohn aus der Küche ins Freie und verschwand hinter dem Haus. Hank hörte, wie der Motor des alten Pickup ansprang. Kurze Zeit später fuhr ein ehemals silberfarbener und inzwischen mehr rostroter Dodge die Jasper Avenue entlang und aus der Stadt heraus in Richtung Westen.

Jerome war gerade an der Südseite des Espenwäldchens in der Nähe des Sees in einen vertraulichen Dialog mit dem schneeweißen Leithengst der Herde vertieft. Das Pferd war unruhig und in letzter Zeit auffallend nervös. Man würde in Kürze die Junghengste von der Herde isolieren müssen. Silver Moon, der Leithengst, hatte das Alter, in dem einem Vater die Rüpelhaftigkeit seiner männlichen Nachkommen auf die Nerven ging. Er war es leid, diese Halbstarken ständig im Auge zu behalten und notfalls mit Nachdruck zur Ordnung zu rufen. Jerome kraulte den Hengst hinter dem linken Ohr und sprach leise und beruhigend auf ihn ein. "Ja mein alter Freund, wenn man in die Jahre kommt und auch Dieses oder Jenes noch Vergnügen bereitet - die Folgen verkraftet man mit der Zeit immer schwerer. Man kommt einfach nicht mehr ohne die Unterstützung anderer aus. Ich weiß nur zu gut, wovon du sprichst ..." Hufe trommelten über den Boden. Jerome blickte sich um und gewahrte Pete auf der zu dessen Länge unpassenden ein wenig zu kleinen Stute. Ohne einen dringenden Anlass suchte Pete gewöhnlich nicht nach seinem Helfer. Der war gespannt, um was es sich dieses Mal handelte. "Du hast Besuch. Es wäre sicher von Vorteil, wenn du mit zum Haus kommen könntest", sprachs, wendete sein Pferd und preschte im vollen Galopp in der Richtung davon, aus der er aufgetaucht war. Jerome rief Hawk herbei, einen klugen, graubraunen Broncowallach mit weichen, geschmeidigen Bewegungen in allen Gangarten. Ab einem gewissen Alter war es einfach angenehmer, wenn ein Pferd ob in Trab oder Galopp den Rücken weitestgehend auf einer Ebene hielt. Mit einem geschmeidigen Schwung wie einst in seiner Jugend kam Jerome nicht mehr auf das ungesattelte Pferd. Der Bronco hatte das in nur kurzer Zeit begriffen. Hawk knickte mit dem linken Vorderbein ein und streckte das rechte so weit es ging nach vorn. So gelangte sein Reiter verhältnismäßig mühelos auf den in dieser Weise vorn abgesenkten Pferderücken. Nachdenklich darüber, um wen es sich bei dem Besuch handeln könnte, brachte er den Bronco in Trab und ritt schräg die sanfte Steigung aufwärts in Richtung des Ranchhauses.

Seinen Sohn erkannte Jerome auf Anhieb schon von weitem. Den junge Mann neben Norman erkannte er nicht. Erst als er auf etwa zwanzig Meter herangekommen war, schien ihm der Junge seltsam vertraut zu sein. Der war fast so groß wie Norman, aber die Statur wies die typische schlaksige Schlankheit der Jugend auf. Ihm begann es zu dämmern - es war Hank, sein Enkel. Den hatte er zum letzten Mal gesehen, als der etwa sieben Jahre alt gewesen sein mochte. Norman hatte sich ebenfalls verändert. Irgendetwas drückte dieses vertraute Gesicht aus, was sein Vater noch nicht kannte. Norman hatte die typisch herben Züge eines Siuox, ein wenig gemildert durch den Anteil der Mutter, einer Siksikau mit dem lieblichsten Oval eines Gesichtes, welches Jerome je gesehen hatte. Naomi Deer Woman war einfach zu früh gestorben. Das wurde ihm in diesem Augenblick zum wiederholten Mal schmerzlich bewusst. In Normans Zügen vereinten sich als Erbteil der Eltern die tiefen, scharf gezeichneten Furchen zwischen Nasenflügeln und Mundwinkeln mit der kleinen, flachen und nur leicht gekrümmten Nase der Mutter. Trotz der schwer wirkenden Augenlider fand Jerome auch da die Augen seiner Frau. Heute jedoch waren diese Augen seltsam starr. Er gewahrte ein kurzes Aufleuchten in ihnen, als er von Hawk gleitend über den Pferderücken hinweg Normans Blick begegnete. Irgendetwas stimmte nicht. Jerome nahm sich bewusst Zeit, nur um der in ihm aufkeimenden Unruhe keinen Raum zu lassen. Er führte Hawk auf die kleine Koppel hinter dem Haus, streifte die Trense herunter und hängte sie betont sorgfätig in die Remise. Dann wandte er sich Sohn und Enkel zu.

Hank fand einfach keinen Schlaf. Durch das halb geöffnete Fenster in der Dachschräge sah er einen Sternenhimmel wie nie zuvor. Die Nachtluft trug den frischen Geruch von taufeuchtem Gras in sein Zimmer. Die Stille war das Ungewohnteste. Nur hin und wieder ließ sich ein Hund, wie Hank glaubte, mit seltsam hoher Stimme heulend auf der Höhe hinter der Ranch vernehmen, worauf prompt eine Antwort aus noch weiterer Ferne kam. Was bezweckte sein Vater? Statt im Gefängnis, wie Hank ursprünglich dachte und was ihm auch logisch erschien, fand er sich in einer abgelegenen Ecke Kanadas wieder, in der ganz sicher Pferde den größten Anteil der Einwohner stellten. Was sollte er ausgerechnet bei diesem alten Mann, der sein Großvater war? Niemand hatte ihn aufgeklärt. Vater und Großvater waren einfach für eine längere Zeit über das Weideland gelaufen, und als sie zurückkamen, hatte ihm der Alte den Raum unter dem Dach des Seitenflügels gezeigt und gesagt: "Du wirst hier eine bestimmte Zeit wohnen. Wie lange, wirst du selbst bestimmen." Dann hatte er sich umgedreht und Hank mit einer Reihe von Fragezeichen allein gelassen. Hank war dann hinunter gegangen und hatte sich in den Schaukelstuhl auf der über die gesamte Vorderfront des Seitenflügels führenden, überdachten Terrasse gesetzt. Die Sonne brannte unbarmherzig auf den Platz vor dem Haus. Hier im Schatten war es einigermaßen erträglich. Außer dem Zirpen der Zikaden ließ sich von nirgendwo ein Laut vernehmen. Hank hatte sich unwohl und so allein wie nie zuvor gefühlt. Später war eine zierliche Frau aus der Tür des Hauptgebäudes getreten und auf ihn zugegangen - eine Native wie er selbst. "Hi, ich bin Nancy, die Frau Petes. Du kannst in etwa fünfzen Minuten rüberkommen. Es gibt etwas zu essen." Es war inzwischen spät am Nachmittag, und die letzte Mahlzeit Hanks lag fast zwölf Stunden zurück. Da er nichts zu rauchen hatte, spürte er den Hunger um so stärker. Dann waren zwei Reiter weit hinten im Tal über einer Bodenwelle aufgetaucht und hatten sich in vollem Galopp der Ranch genähert. Es waren Pete und der Großvater. Die Mahlzeit in der Wohnküche des Haupthauses war schweigend verlaufen. Danach hatte sich Großvater in dem von Hank vorher besetzten Schaukelstuhl niedergelassen und mit einer, wie es Hank schien, übertriebenen Gründlichkeit eine Tabakspfeife in Brand gesetzt. Hank hatte unentschlossen zwischen Haupthaus und Seitenflügel herumgestanden. "Hole den Korbstuhl aus dem großen Raum gleich links neben der Tür und setz' dich zu mir." Später hatte ihm Großvater eine geöffnete Schachtel Zigaretten gereicht. "Wenn du rauchen möchtest...." Es waren die einzigen Worte, die Hank von Jerome zu hören bekam. Der Abend war unter Schweigen vergangen. Hank, traute sich nicht so recht, seinem Großvater die Fragen zu stellen, die ihn derzeit am meisten bewegten, und eigentlich mochte er auch nicht sprechen. Ihn hatten die Farben des Landes im Licht der untergehenden Sonne gefangen genommen. Alles schien in Gelb- und Orangetönen zu leuchten, und die Präriesalbeibüsche verliehen dem Grasland einen Hauch von Silber. Vom See klangen die Rufe der Kanadagänse und Eistaucher bis hinauf zur Ranch. Hank hatte, vielleicht erstmals bewusst in seinem Leben, ein tiefes und wohltuendes Gefühl von Frieden in sich gespürt und für diesen einen Moment das Furchtbare in Edmonton vergessen können.

Großvater hielt den Kopf leicht zur Seite geneigt. Kleine, schwarze Pupillen blinzelten lustig aus den tiefen Runzeln der Haut. Das lange und schneeweiße Haar trug Jerome in saubere Zöpfe geflochten. Ein buntkariertes Holzfällerhemd und eng anliegende Jeanshosen bildeten einen seltsamen Kontrast zum unverkennbaren Alter dieses Mannes. "Mein Geist läßt nach. Wo auch hättest du reiten lernen sollen? Komm, folge mir einfach." Er führte Hank zu einem Gatter hinter dem Haus. Zwei Stuten standen dösend darin, während sich ein Wallach, die Stuten im Trab umkreisend, regelrecht produzierte. Außerhalb des Gatters stand seelenruhig der bereits gesattelte Hawk und tat so, als ginge ihn derzeit nichts auf der Welt an. "Mit welchem der drei Pferde da möchtest du es probieren?" Hank deutete spontan auf den Wallach. Selbst ein Pferdelaie erkannte auf den ersten Blick die Schönheit und Eleganz dieses Fuchsbraunen. "Das würde ich dir für den Anfang nicht raten, mein Junge. Das ist Joker, der Spinner - ein Angeber durch und durch. Wenn er spürt, dass er dir überlegen ist, und das ist er einem Anfänger wie dir allemal, zeigt er dir, was er alles drauf hat. Ich würde mich für meinen Enkel schämen müssen, wenn der gleich am ersten Tag vom Pferd fällt. Die Freude möchte ich Joker nicht lassen. Nimm dir diese Stute da. Wenn du nur ein klein wenig aufmerksam bist, wirst du merken, wie sie dir beim Lernen hilft." Die Stute war bei weitem nicht so schön wie Joker, hatte aber eine Reihe von wunderbaren Fohlen zur Welt gebracht, wie ihm der Großvater nun erzählte. "Eine Frau, die mehrere Kinder geboren hat, wird auch keiner mehr als Model auf den Laufsteg schicken. Aber eine Mutter wird niemandem weh tun, auch dir nicht. Komm mit rein. Ich zeige dir jetzt, wie man ein Pferd auftrenst und sattelt." Die Trense hatte Großvater bereits in der Hand, der Sattel lag über einer der Gatterstangen. Er öffnete das Tor. Sofort hoben die Stuten die Köpfe und Joker bremste scharf. Misstrauisch spähter er den beiden entgegen und legte die Ohren an. Jerome ging nun leicht seitlich auf die beigefarbene Stute zu. Dabei belehrte er Hank: "Geh niemals frontal auf ein Pferd zu. Das bedeutet in der Sprache der Pferde: Scher dich weg, ich will dich hier nicht mehr sehen. Du wirst dann dem Pferd ewig hinterlaufen müssen und nicht dazu kommen, es zu reiten." Während dieser Rede streifte er mit einer einzigen fließenden Bewegung der Stute die Trense über. Dann nahm er die Zügel, führte sie zum Gatter dicht neben dem Sattel und band die Zügel locker an der zweitoberen Querstange fest. "So, nun legst du die Satteldecke so auf. Achte darauf, dass sich keine Falten dabei bilden. Das gäbe dann böse Druckstellen. Und nun kommt zum Abschluss der Sattel hier darüber." Ohne scheinbare Mühe hob der alte Mann den schweren Westernsattel über den Rücken der Stute. "So und nun den Sattelgurt anziehen und..." Joker war während der Demonstration des Großvaters unauffällig von hinten nähergekommen. Als sich Jerome bückte, um das Ende des Sattelgurtes von der ihm entgegengesetzten Seite aufzunehmen, fasste Joker ein kleines Stück mageren Altmännerhintern zwischen die Zähne, nicht zu fest, aber immerhin so, daß der hinterrücks Gekniffene einen überraschten Schrei ausstieß. Er verpasste dem Wallach einen leichten Klaps auf die Nase und fuhr dann fort: "Und achte immer darauf, dass Joker nicht zufällig in der Nähe ist oder du ihm den Rücken zukehrst." Aus den Augenwinkeln registrierte der Alte dankbar, dass sich in dem Gesicht des Jungen erstmals seit dieser sich auf der Ranch aufhielt, ein Lächeln zeigte.

Die ganze Weite des nach Süden hin leicht ansteigenden Hochtales lag vor ihnen. Hank hatte nach der ersten anfänglichen Verkrampfung die Lässigkeit gefunden, es sich im Sattel so bequem wie möglich einzurichten. Er spürte überdeutlich die Bewegungen und das Leben unter ihm in Waden, Schenkeln und Gesäß, und es es schien ihm ein Leichtes zu sein, sich diesen Bewegungen anzupassen und somit mit dem Pferd ein Ganzes zu werden. Jerome ließ Hawk antraben. Lucil, Hanks Stute fiel ebenfalls sofort in Trab, ohne dass Hank etwas hätte dazu tun müssen. Instinktiv klammerte der Junge Ober- wie Unterschenkel fest an Flanken und Bauch des Pferdes bis er nach einer kurzen Weile den Rhythmus der Bewegungen in sich aufgenommen hatte und sich die anfängliche Verkrampfung lockerte. Gegen Mittag erreichten sie die Stelle, an der das südliche Talende in ein Hochplateau überging. Bis auf den Streifen eines Espenwäldchens an diesem Ort schien die Hochfläche ausschließlich grasbewachsen und silbriggrau getupft mit den üblichen Büscheln des Präriesalbeis. Jerome stoppte sein Pferd und schwang sich mit einer für sein Alter bemerkenswerten Leichtigkeit aus dem Sattel. "Sitz ab Junge, lass' uns etwas essen und trinken." Hank versuchte, es seinem Großvater gleichzutun, allein - inzwischen hatte sich ein bemerkenswertes Problem entwickelt. Die Beine waren fast bis zur Unbeweglichkeit versteift. Hank beugte sich über den Sattelknopf nach vorn und streckte die Beine so weit wie möglich nach hinten aus. Dann rollte er sich seitwärts aus dem Sattel, blieb mit dem rechten Stiefelabsatz hängen und landete folgerichtig aber nicht eben stilgerecht auf dem Bauch. Als er sich mit einem intensiven Gefühl der Peinlichkeit erhob, knickten die Beine ein. Jerome lächelte. "Setz dich erst einmal hin und bewege die Beine vorsichtig." Der Großvater löste die Trinkflasche vom Sattel und reichte sie dem Jungen. "Trink etwas und mach dir keine Gedanken. Du hast dich unglaublich gut gehalten. Ich hätte mich andererseits sehr wundern müssen, wenn es anders gewesen wäre." Dann kramte Jerome ein Stück Schinken aus der Satteltasche. Schweigend saßen beide im Gras, und ein jeder war mit seiner Nachdenklichkeit sowie damit beschäftigt, zu essen.

Die Sonne stand tief über einer Bergkette in der Ferne, als sie das obere Ende eines sich nach Südwesten hinabziehenden Tales erreichten und durch dieses abwärts ritten. Die letzten Strahlen der Sonne tupften große und an den Konturen zitternde dunkle Flecken auf die freien Stellen zwischen den nahezu weißen Stämmen der Espen. Eine Weile später zeichneten sich die Umrisse einer Hütte zwischen den Bäumen ab. Schließlich erreichten sie eine Lichtung. Fast genau in der Mitte dieser Lichtung glitzerte die Miniaturausgabe eines Sees, und fast umittelbar am Wasser stand ein aus in vielen Jahren nahezu geschwärzten Balken gefügtes kleines Blockhaus. "Wir sind da." Jerome glitt auf seine übliche Weise aus dem Sattel und machte sich sofort daran, Hawk von Sattel und Trense zu befreien. Hank gelangte dieses Mal ein wenig souveräner von seiner Stute, zumindest landete er auf seinen Füßen. Großvater widmete ihm jedoch keine Spur von Aufmerksamkeit. Der überließ Pferde und Enkel einfach sich selbst und verschwand in der Hütte. Hank löste den Sattelgurt, schleppte den Sattel zum Geländer der kleinen Terrasse am Haus und packte ihn neben den des Großvaters. Dann befreite er Lucil von Trense und Satteldecke und stand danach ein wenig unentschlossen herum. Die Pferde soffen nebeneinander am Wasser stehend. Jerome hatte inzwischen die Fensterläden geöffnet und trat gleich einem Schatten aus der Tür. "Komm rein Junge. Es ist Zeit, ein wenig zu essen. Außerdem wirst du in Kürze kaum noch etwas sehen." Großvater hatte Recht. Die Pferde grasten als ein heller und ein dunklerer Fleck auf der Lichtung. Außerdem verspürte Hank jetzt einen Bärenhunger. Als er in die Hütte trat, hatte Großvater bereits den Docht einer Petroleumlampe entzündet. In einem Kamin an der Stirnseite des Raumes knisterte ein Feuer. Ein Stapel Holzscheite, zwei unterschiedlich goße Äxte, ein grob gezimmerter Tisch und je eine ebenso grob gezimmerte Bank an den Längsseiten des Tisches bildeten das einzige Interieur des Raumes. Jerome öffnete eine Luke am Boden und verschwand. Dann tauchte er mit einem größeren Stück in der Hand auf, was aussah wie dickes, dunkles Leder. Das packte er zusammen mit einem hellen und runden Etwas, welches er ebenso wie den Schinken in der Satteltasche mitgeschleppt haben musste, auf den Tisch. Das Lederartige entpuppte sich als Trockenfleisch und das runde Helle war ein Maisbrot. Hank grübelte nicht erst über den für ihn eigenartigen Geschmack des Fleisches nach. Er hatte Mühe, sich zu beherrschen, als Großvater einen weiteren Streifen für ihn abschnitt. In der Stille knackte und knisterte das Feuer im Kamin überlaut.

Hank tat, nachdem sie mit essen fertig waren so, als lausche er diesem Geräusch. Seine Verlegenheit machte ihm zu schaffen. Hank war nie verlegen gewesen und hatte mit seinen flotten Sprüchen so manch brenzlige Situation überspielt. Sein Großvater, an den er sich aus den Zeiten seiner frühen Kindheit nur dunkel erinnern konnte, irritierte ihn. Die Fragen, die er sich seit Beginn des Aufenthaltes bei ihm gestellt hatte, drängten sich wieder in den Vordergrund. "Du wirst dich sicher fragen, was du hier bei mir sollst." Hank erschrak. Konnte Großvater Gedanken lesen? "Ich bin kein Freund langer Reden. Als ich jung war, lebte ich weit im Süden in einer Reservation. Es war kein gutes Leben dort. Damals sah ich nur das Schlechte an diesem Leben, und in meinem Herzen war Bitterkeit. Viele Männer dort fühlten die selbe Bitterkeit und vertrieben sie für Zeiten mit Alkohol. Danach war die Bitterkeit um so größer. Ich war voller Hass, Hass auf dieses Leben und Hass auf die, welche uns dieses Leben aufnötigten. Und dabei lebte damals noch Hächaka Ssapa, der Schwarze Hirsch, einer der letzten großen Geheimnismänner der Sioux. Er lebte in der selben Reservation. Doch das Herz der meisten von uns war von diesem Hass eingeengt. Es war wenig Raum für die Worte des Hirsches darin. Ich verließ die Reservation in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Ich dachte, wenn ich ein wenig am Überfluss der Weißen teilhaben kann, würde ich diesen Hass aus meinem Herzen vertreiben können. Eine Zeit lang schien es so zu sein. Ich fand eine wundervolle Frau und Mutter für unsere Kinder. Du konntest leider deine Großmutter nie kennenlernen. Die Zeit, in der sie mein Leben begleitete, versöhnte mich mit allem. Für mich war die Welt damals, so wie ich sie sah, in Ordnung. Als deine Großmutter starb, sahen meine Augen und mein Herz wieder mehr. Mein Herz berührten die stummen Klagen derer, die weniger Glück als ich gehabt hatten. Die Bitterkeit in mir war groß, und ich sah ähnlich wie damals in der Reservation die Ungerechtigkeit. Ich verstehe dein Handeln, und ich hätte als junger Mann und in der selben Situation wahrscheinlich ähnlich gehandelt. Wir waren vorzeiten eine Nation von Kriegern. Wir kämpften nicht wie die Weißen darum, so viel wie möglich an uns zu raffen, sondern um das Leben und Überleben unseres Volkes. Ich muss nicht betonen, dass es von Anbeginn an unter uns üblich ist, alles zu teilen. Ich brauchte lange, um zu begreifen, dass dieses Gesetz bei den Weißen nicht gilt. Es sind derer so viele, dass sie nicht teilen müssen, um dass ihr Volk überleben kann. Da sie nicht bereit sind, zu teilen, sondern nur zu nehmen, hast du von ihnen genommen, ob es ihnen gefiel oder nicht. Nach den Gesetzen der Weißen ist das Unrecht und wird bestraft. Als wir noch frei in den Prärien lebten, brauchten wir keine Gefängnisse, und das ist der Schlüssel. Über alles andere kannst du selbst nachdenken."

Jerome schwieg und starrte in das niederbrennende Feuer. Irgendwo heulte langgezogen ein Wolf. Hank zuckte zusammen. "Großvater, die Pferde..." "Mach dir keine Sorgen. Um diese Jahreszeit sind Wölfe satt, und außerdem kenne ich den da. Die Pferde kennen ihn auch. Es dauerte eine Weile, bis sie sich an seine Gegenwart hier gewöhnt hatten. Hawk brannte mir anfangs mehrere Male durch, und ich musste weit laufen, bis ich wieder auf ihm reiten konnte." Jerome erhob sich und trat vor die Tür. Hank folgte ihm. Draußen war bis auf das Geräusch der Gras rupfenden Pferdemäuler nichts zu hören. Ruhig weideten sie im Mondlicht. Hank atmete die reine und kühle Nachtluft und fühlte sich seltsam geborgen, ganz anders, als früher in seiner Kindheit, wenn ihn seine Mutter in irgend einem Leid getröstet hatte. Seine Mutter war jetzt weit weg von ihm. Die ursprüngliche Nähe und Vertrautheit hatte sich in den letzten Jahren verloren. Hank hatte sich außerdem kaum noch Gedanken um sie gemacht. Seltsam, jetzt in diesem Moment suchten seine Gedanken nach ihr. Und gleichzeitig war ihm dieses weiche Gefühl peinlich. "Lass' uns schlafen gehen. Morgen wird es wieder ein anstrengender Tag für dich." Richtig, die Worte seines Großvaters brachten die schmerzenden Beine und die Stellen in der Leistengegend in Erinnerung. Jerome schloss die Tür, und beide stiegen die Leiter unter das Dach der Hütte hinauf. Ein breites Deckenlager verhalfen Großvater und Enkel in kürzester Zeit zu einem tiefen Schlaf.

Hank erwachte und brauchte geraume Zeit, um sich über den Ort wo er lag im Klaren zu sein. Die Stelle neben ihm war leer. Er wollte aufspringen, welcher Versuch aber in einem heftigen Stöhnen endete. Aller körperlicher Schmerz der Welt schien sich in Beinen, Hinterteil und Leistengegend versammelt zu haben. Schließlich gelang es ihm, sich aus einer Haltung, deren Ursprung eine Position auf allen Vieren bildete, zu erheben. Die nächste Hürde stellte die Leiter dar. Auch unten im Raum war Großvater nicht. Hank schleppte sich ächzend und steifbeinig vor die Tür. Die Pferde standen dicht am Haus und dösten mit gesenkten Köpfen vor sich hin. Der Junge stelzte um die Hausecke und entdeckte schließlich seinen sich im Wasser tummelnden Großvater. Der Gedanke die schmerzenden Glieder zu kühlen, erschien Hank logisch. So schnell es seine Steifheit zuließ, zog er sich die Sachen vom Körper. Um die Jeans herunterzubekommen, musste er sich auf den Rücken legen. Selbst in dieser Position erschien ihm diese Übung als Folter eines höheren Grades. Schließlich stürzte er sich erleichtert in das Wasser um im selben Moment einen Schrei auszustoßen. Hunderte Messer schienen an seiner Haut zu schneiden. Er meinte, das Eis des letzten Winters müsse gerade am Tag vor ihrer Ankunft geschmolzen sein. "Das hier ist das Becken einer Quelle, und der Bach, der hier seinen Anfang nimmt, vereint sich ein gutes Stück weiter unten mit dem Thompson River." Großvater planschte mit einer für sein Alter seltsamen Munterkeit auf dem Rücken liegend im Wasser. Langsam gewöhnte sich der Körper an die Kälte, oder war es einfach so, dass dieses eiskalte Wasser jedes Gefühl aus der Haut vertrieb? Hank schwamm einige Züge, tauchte kurz und verließ das Bad vorsichtshalber, bevor vielleicht noch lebenswichtige Organe erstarrten. Jerome kam ebenfalls heraus. Das kalte Wasser hatte die normalerweise welke Haut seines Körpers gestrafft. Hank registrierte verwundert das für diesen Augenblick jugendliche Aussehen des Großvaterleibes, wenngleich der Kopf nicht so recht dazuzupassen schien. Lange Zeit blieb Hank ohnehin nicht, seinen Großvater zu betrachten, denn der sauste wieselflink um die Hausecke davon. Der Junge folgte ihm kurzerhand mit den Sachen unter dem Arm.

Im Haus reichte ihm Jerome ein großes Frottiertuch. Die Haut prickelte nach dem kalten Bad angenehm, und die nun massiv einsetzende Durchblutung ließ eine angenehme und intensive Wärme in den Körper fluten. Derweil hatte Jerome einen kleinen Kessel mit Wasser auf das neu entfachte Kaminfeuer gesetzt, und Hank suchte die Zutaten für ein Frühstück zusammen. Dabei fiel sein Blick zufällig durch eines der kleinen Fenster auf den Rand der Lichtung. Dort saß seelenruhig ein hellgrau und fast weiß gezeichneter Wolf. Der blickte mit seinen hellen Augen in Richtung der Hütte, so als warte er auf etwas Bestimmtes. "Großvater, ist es normal, dass hier am hellichten Tag ein Wolf herumsitzt?" "Normal ist es gewiss nicht. Ich habe ihm hin und wieder ein Stück Fleisch zugeworfen. Ich hätte es nicht tun sollen, denn es könnte sein, dass er nun annimmt, von allen Menschen etwas zu bekommen. Das könnte ihm irgendwann zum Verhängnis werden. Aber immerhin, es ist einige Jahre her, als er den ersten Leckerbissen von mir nahm. Anscheinend hat er schmerzhaft lernen müssen, dass ihn nicht alle Menschen als so etwas wie einen Bruder betrachten." Jerome trat mit einem Stück Trockenfleisch vor das Haus und Hank folgte ihm. Als der Wolf den Jungen sah, zuckte er zurück, so als wolle er sich zur Flucht wenden. Der Großvater sprach in einer Hank seltsam vertrauten, ihm aber unbekannten Sprache einige an den Wolf gerichtete Worte. Der kam geduckt und mit angelegten Ohren vorsichtig näher. Als er etwa zwei Körperlängen an Jerome heran war, warf dieser ihm den Happen zu. Der Wolf fing diesen mit einem schnappenden Geräusch auf und war im Nu zwischen den Bäumen am Rande der Lichtung verschwunden. Großvater lächelte. "Der Bursche hat die Pferde schon von weitem gewittert, weiß also, dass jemand da ist. Ich habe noch nie erlebt, dass ich dazu kam, vor ihm zu frühstücken." Nachdenklich widmete sich anschließend Hank seinem Frühstück aus Maisbrot, Ahornsirup und Trockenfleisch. Er wusste, die Worte, die Großvater vorhin an den Wolf gerichtet hatte, war die Sprache seines Volkes. Was Hank von dieser bisher mitbekommen hatte, waren die beiden einzigen von klein auf vertrauten Worte Ate - Vater und Ina - Mutter.

Die Sonne hatte gerade die Spitzen der Baumwipfel erreicht, als der Großvater und sein Enkel wieder talaufwärts ritten. Hank fühlte sich einfach gut. Als er sich am zeitigen Morgen erhoben hatte, war er der Meinung, nie mehr auf ein Pferd zu gelangen. Nach dem Bad waren die anfänglichen Schmerzen vergessen, und nun saß er im Sattel, als hätte er nie etwas anderes getan. Aber da war noch etwas anderes als die Absicht seines Großvaters, ihn Reiten zu lehren. Hank konnte es noch nicht definieren. Es hatte etwas mit dem Ausflug insgesamt zu tun und mit der ungewohnten Gesprächigkeit des Alten am gestrigen Abend. Der Besuch des Wolfes beschäftigte ihn ebenso. All das Erlebte hatte in Hank ein tiefes Gefühl der Harmonie hinterlassen. Zufrieden blinzelte er in das zitternde Licht der Sonne zwischen den Blättern der Baumkronen. Tautropfen glitzerten, und der Duft des feuchten Grases mischte sich angenehm mit dem Geruch der Pferde. Als sie das Tal hinter sich zurücklassend die Hochfläche erreichten, brachte Jerome sein Pferd nahezu übergangslos in einen verhaltenen Galopp. Die Stute Hanks ließ sich nicht lange bitten. Nach einem kurzen Moment der Unsicherheit war Hank angenehm überrascht. Lucil hatte selbst in dieser Gangart weiche und angenehme Bewegungen. Jetzt legte das Großvaterpferd an Tempo zu, Lucil ebenso. Hank überkam ein nie gekanntes Gefühl der Leichtigkeit und des Glücks. Die Pferde schienen sich ein Wettrennen zu liefern. Zuweilen ritt Hank auf der Höhe seines Großvaters, der dies mit einem angedeuteten Grinsen quittierte. Nachdem sie so etwa ein Drittel der Distanz auf der Hochfläche zurückgelegt hatten, bremste Jerome seinen Wallach zunächst zu einem Trab und ließ ihn dann in Schritt übergehen. "Für meine alten Knochen und insbesondere für meinen Rücken sind längere Zeiten im Galopp nicht so angenehm. Außerdem haben wir Zeit, und du hast gezeigt, dass du dich gut im Sattel halten kannst. Mehr wollte ich vorerst auch nicht erreichen." Im Licht der Spätnachmittagsonne sattelten und trensten sie, auf die Ranch zurückgekehrt, die Pferde ab, ließen sie saufen und schickten sie danach hinaus ins Weideland. Dann ließen sich beide auf der Terrasse nieder. Über dem Tal erklang der langgezogene, schrille Schrei eines der Adler. Hank dachte an die Szene mit dem Wolf. "Großvater, würdest du mich die Sprache unseres Volkes lehren?" Die Antwort ließ eine Weile auf sich warten. "Unsere Sprache ist das Letzte, was uns geblieben ist. Selbst das wollten uns die Weißen nicht lassen. Es war viele Jahre lang verboten, die Sprache unserer Väter und Mütter zu sprechen. Die Generation deiner Eltern versteht noch ein wenig davon, ohne sie selbst aktiv sprechen zu können. Warum auch? Egal zu wem du in dieser Welt und in dieser Sprache sprichst - keiner wird dich verstehen. Aber sie gehörte zu unserem Leben. Wenn diese Sprache stirbt, werden auch die letzten von uns gehen. Ich werde sie dich also lehren - hetschetu uelo."

Die Wochen und der Sommer gingen dahin. Das Laub der Espenwäldchen im Tal begann eine goldene Farbe anzunehmen. Das Leben auf der Ranch war für Hank zur Selbstverständlichkeit geworden. Längst hatte er die meisten der Aufgaben seines Großvaters zusätzlich zu den seinen übernommen. Es fehlte ihm an nichts. All das, was ihm vor wenigen Monaten in der Stadt unentbehrlich schien, hatte hier seine Bedeutung verloren, die Sucht nach einer Zigarette, einem Joint oder das Verlangen nach Alkohol. Hin und wieder tranken er und Pete am Abend auf der Terrasse je eine Büchse Bier. Jerome rührte keinen Alkohol in welcher Form auch immer an. Für ihn verband sich damit die Erinnerung an die Zeit nach dem Tod seiner Frau. Er hatte damals das Vergessen im Alkohol gesucht. Die Töchter waren nach und nach Männern gefolgt und lebten inzwischen weit verstreut zwischen Alberta und Yukon. Schließlich hatte Norman den einsam gewordenen und ziemlich heruntergekommenen Vater zu sich genommen. Jerome hatte sich damals vor seinem Sohn geschämt und von diesem Moment an nie wieder einen Tropfen Alkohol angerührt. Zu viele hatten nicht das Glück gehabt wie er, und manchmal fragte er sich, welcher aus dem damaligen Kreis hoffnungsloser Alkoholiker wohl noch leben mochte. Sein Leben hatte im richtigen Moment eine gute Wendung genommen, und nun, da er für vieles was es zu tun gab langsam zu alt wurde, freute er sich, seinem Enkel die alte Sprache lehren zu können. Hank machte darin bemerkenswerte Fortschritte. Waren beide allein miteinander, sprachen sie ausschließlich in Lakota. Jerome fand immer seltener Gelegenheit, seinen Enkel zu verbessern. Eines Abends eröffnete Hank seinem Großvater ein merkwürdiges Anliegen. "Du hast mir vor einiger Zeit davon erzählt, wie ein Krieger seinen Namen fand. Ich möchte, dass du mich darauf vorbereitest. Ich werde in drei Tagen auf die Höhe hinter der Ranch steigen und auf ein Bild warten." Jerome war überrascht. Der letzte in der Familie war sein Vater gewesen, der seinen Namen auf diese Weise einer Vision entlehnte. "Alles was ich dazu tun kann ist herauszufinden, ob sich hier in dieser Reservation ein Mann auftreiben lässt, der die Reinigungszeremonie an dir vornimmt. Menschen, die die alten Riten beherrschen, sind selten geworden. Ich könnte etwas falsch machen, und dann würdest du Schaden nehmen. Am übernächsten Abend stand unten in der Nähe des Sees eine Schwitzhütte. Es war fast dunkel, als Hank nur mit Lendenschurz bekleidet aus der Hütte kroch und von Jerome in eine Decke gehüllt wurde. Dann entfernte sich der Junge hangaufwärts in Richtung des östlichen Bergrückens.

Der Mond war soeben untergegangen. Das diffuse Grau des anbrechenden dritten Tages brachte eine durchdringende Kälte. Hank spürte nichts von alledem. Sein Körper schien aufgehört haben zu existieren. Alles in ihm war reine Wahrnehmung. Der Kojote, der nicht weit an ihm vorübertrottete, die Zweige der sich gegen den Himmel abzeichnenden Büsche - all das offenbarte ein tieferes, als das sonst allgemein wahrnehmbare Leben. Und unvermittelt bemerkte Hank einen Baum, der bisher hier noch nicht gestanden hatte. Der Stamm dieses Baumes war gespalten. Die eine Hälfte ragte mit ihren toten Zweigen grotesk schräg nach außen. Aus der anderen ebenfalls tot wirkenden, aber noch senkrechten Stammhälfte trieben neue, grüne Zweige. Als sich der Rand der Sonne gerade über der scharf gezeichneten Bergkette am Horizont zeigte, erhob sich Hank. Mit ausgebreiteten Armen, die Handflächen zur Sonne geöffnet, begann er dem Großen Geist zu danken. Er spürte die Kraft Makas, der Altmutter Erde, zunächst in den Beinen und schließlich seinen ganzen Körper durchströmend. Alles war von Anbeginn an in ihm und er war in allem. Als er sich später talwärts der Ranch zuwandte, sah er unvermittelt den Schatten großer Schwingen vor sich auf dem Boden. Gleichzeitig spürte er einen leichten Luftzug im Nacken. Der Adler strich mit einem durchdringenden Schrei talwärts und stieg an der gegenüberliegenden Seite mit einem einzigen Schwung in die Höhe.

Jerome kam ihm mit einem seltsamen Ausdruck in den Augen entgegen, dem Hank keine Bedeutung beimaß. Alles Leben zuvor hatte er abglegt. Er war jetzt "Gespaltener Baum" und stolz, für würdig genug befunden worden zu sein, dass ihm der Große Geist ein Gesicht schenkte. Als Hank mit seinem Großvater um die Ecke des Ranchgebäudes bog, bemerkte er als erstes die Limousine und die Mounties, zwei Vertreter der kanadischen Bundespolizei. Ohne jede Beklemmung ging Hank auf die beiden zu und wünschte ihnen höflich einen Guten Morgen. Er sagte ihnen außerdem, dass er sich nun anziehen und seine Sachen packen würde. Dem jüngeren der beiden Polizisten blieb überrascht der Mund offen stehen. Nach wenigen Minuten standen sich Enkel und Großvater gegenüber. "Es war gut, hier gewesen zu sein, Tunkaschila." Pete war inzwischen unauffällig hinzugekommen. "Nancy und ich erwarten dich hier, gleich wie lange es dauern möge." Ohne sich noch einmal umzuschauen, stieg Hank in das Fahrzeug.

In der darauffolgenden Nacht begann der Traum in der bekannten Form. Jetzt erkannte Jerome auch das Gesicht des Mannes, der ihn auf dem Arm hielt. Es waren die Züge Hächaka Ssapas. Und er vernahm wie üblich das Weinen einer Frau und das eines Kindes. Er wandte den Kopf und sah eine große Anzahl Angehöriger seines Volkes in einem langen Zug davonziehen. Dann war er wieder da, der Schatten riesiger Schwingen. Er sah deutlich die fingergleichen Enden der Flügel. Es wurde hell und das zuvor düstere Grau wich den Farben einer von der Sonne beschienenen Prärie. Und dann entdeckte er jene Menschen, sein Volk wie es von der anderen Seite auf ihn und Schwarzer Hirsch zukam. Jerome lächelte im Traum. Als Pete am anderen Morgen nach dem Alten sah, der heute nicht wie üblich zum Frühstück erschienen war, fand er den toten Jerome. Der Tod hatte es für wert befunden, das Lächeln in dessen Zügen zu erhalten.

Claudia & Wolfgang Strahl

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