UAMBALI UANAGGI

GHOST HORSE


Für meinen Freund Ray, den Plains Cree,
arbeitsloser Stadtindianer in Edmonton/Alberta
und für meine Tochter Louisa


Die Gegenwart lässt keinen Raum
für seinen Hufschlag,
der in's Leere greift.
Sein Dasein ist ein Zeichen -
kaum, dass ein Erinnern
nur die Seinen streift.

In seinen Ohren hallen noch
die Trommelklänge,
in dunkelnder Prärie - ein Nordwind,
der die Nüstern weitet;
die alten ehrlichen Gesänge
und ein Gesetz, das alles leitet.

Er ist allein -
nur alte Mythen, die ihn noch begleiten;
und jener, der ihn immerwiederkehrend
träumt,
trifft sich mit ihm
in fast vergess'nen Zeiten.



Der Junghengst stand auf einem Präriehügel. Die Morgenbrise des erwachenden Tages trug den Geruch der Stuten zu ihm. Stolz und schön stand er als dunkle Silhouette gegen den Morgenhimmel, Hals und Kopf gegen den lockenden Duft gerichtet, gespannt wie eine Stahlfeder. Ein Wiehern, mehr noch einen Schrei stieß er plötzlich aus und sprang aus seinem Stehen in einen verhaltenen Galopp, den Schweif wie ein Banner hinter sich hertragend. Die emporsteigende Sonne verlieh seinem weiß und grau gezeichneten Fell einen goldenen Schimmer. Und so folgte er, immer schneller werdend, mit weit geöffneten Nüstern dem uralten Ruf.

In einer flachen Mulde fest an den Boden gepresst, beobachteten zwei Indianer die grasende Herde wilder Mustangs. Nach einem langen und harten Winter war es an der Zeit, den Pferdebestand der "Bärenkinder" zu ergänzen. Die Vorräte aus der mageren Büffeljagd des Vorjahres hatten bei weitem nicht gereicht, und die nötige Fleischnahrung lieferten im Notfall auch Pferde. Selbst die Hunde des Lagers sahen sich unvermittelt mit der Tatsache einer ungesicherten Existenz konfrontiert. Die ebenso hungrigen Wölfe hatten zudem einen zusätzlichen Tribut gefordert, ohne dass man sie hätte daran hindern können.

Die Pferdeherde näherte sich grasend den Indianern. Der Jüngere der beiden knetete nervös sein ledernes Lasso. Der Ältere, durch dessen Haar sich die ersten grauen Strähnen zogen, legte beruhigend die Hand auf die Schulter des Jungen. Etwa dreißig Schritt vor ihnen grasten zwei Stuten. Der Wind stand gegen die Lauernden. Zudem hatten sie sich, bevor sie zur Pferdejagd aufgebrochen waren, mit Kräutern eingerieben, die den Menschengeruch nahmen. Schräg rechts von ihnen lagen zwei weitere Jungen, und noch ein ganzes Stück weiter drei, insgesamt einen Halbkreis bildend.

Berglöwe hatte bewusst die Jungs, die noch keine Krieger sein konnten, für diese Jagd ausgewählt. Es war eine der vielen Prüfungen auf dem Weg zu einem Krieger der Cree. Bis jetzt verhielten sie sich vorbildlich. Die beiden Stuten waren inzwischen ahnungslos grasend bis auf zwanzig Schritt herangekommen. Berglöwe gab seinem Sohn ein lautloses Zeichen und spannte seine Muskeln zum Sprung. Plötzlich hob die ganze Herde die Köpfe und witterte in die Richtung der Jäger. Der weiter abseits grasende pechschwarze Leithengst galoppierte unvermittelt mit einem rhythmisch sich wiederholenden brummenden Wiehern auf die Indianer zu. Berglöwe und sein Sohn Nachtauge pressten sich so flach es ging an den Boden. Die Erde erzitterte von einem weiteren Hufschlag - kaum spürbar.

Kurz darauf klang es wie ein Trompetenstoß vom Hügel hinter ihnen. Nachtauge wendete den Kopf und sah den Hengst, der jetzt betont steifbeinig und mit hocherhobenem Kopf herabgetrabt kam. Der Leithengst stieß einen warnenden, wiehernden Schrei aus. Er stand so unmittelbar vor den Indianern, dass sie hätten seine Fesseln berühren können. 'Das hat gerade noch gefehlt', dachte Berglöwe, und 'gleich wird es hier mächtigen Ärger geben und wir mittendrin'. Der Junghengst galoppierte mittlerweile in einem weiten Bogen auf die Herde zu. Der Leithengst stieg und fegte ihm nach. Gras und körniger Staub stoben in die Mulde.

Die Hengste trafen sich fast genau an der Stelle, an der sich zwei der Jungs in das graugelbe vorjährige Gras drückten. Der Schwarze stieg und schrie dem Eindringling eine Warnung entgegen. Dieser stieg ebenfalls und schrie zurück. Die Ruhe dieses Morgens war mit einem Mal vom Geräusch zuschlagender Hufe und wildem Hengstgeschrei erfüllt. Die Stuten und Fohlen der Herde standen im Halbkreis um die Kämpfenden, bis auf einige alte Stuten, die dieses Männergehabe schon zu oft erlebt hatten, um der Prügelei noch eine geringste Spur von Interesse abzugewinnen. Das gerade sprießende junge und saftige Präriegras war viel interessanter und beständiger, als die wechselnden Verhältnisse zu einem Hengst.

Den beiden Jungs musste die Situation schwer auf die Nerven geschlagen sein. Sie waren der berechtigten Ansicht, dass es nicht vonnöten sei, sich von kämpfenden Hengsten treten zu lassen. Sie sprangen gleichzeitig auf und rannten zur Mulde hinüber, aus der Berglöwe und Nachtauge den Kampf verfolgten. Beide Hengste erschraken, als die Indianer so unvermittelt wie gebissene Präriehunde neben ihnen emporschnellten. Für einen Moment ließen sie voneinander ab. Der Rest der Herde hatte nur Augen für den bekannten aber auch den unbekannten Helden. Sie schienen die jugendlichen Bärenkinder nicht einmal zu bemerken. Die Hengste trommelten wieder aufeinander los. Von der Brust des Grauweißen tropfte Blut. Der Leithengst war erfahrener und auch ein wenig kräftiger. Berglöwe spielte bereits mit dem Gedanken, in den Kampf dergestalt einzugreifen, indem er sich den Schwarzen einfach fing. Der war so mit der Verteidigung seines Harems und seiner Würde beschäftigt, dass es ein Leichtes gewesen wäre, sich ihm zu nähern. Der Indianer zögerte. Eine unbestimmbare Scheu hielt ihn davon ab, in diesen Kampf einzugreifen. Zudem war nicht abzusehen, ob der Eindringling vom Leithengst abließ, wenn dieser sich gegen das Lasso wehren musste.

Der Junghengst schien plötzlich von seinem Vorhaben Abstand zu nehmen. Mit blutender Brust und einer üblen Bisswunde am Widerrist rannte er in einem weiten Bogen davon, der Schwarze ihm nach. Unvermittelt schoss der Verfolgte herum und stieg. Der Schwarze war ihm zu dicht auf den Fersen, um rechtzeitig reagieren zu können. Ein Huf traf ihn mit voller Wucht am Kopf, und während er einen Sekundenbruchteil benommen verharrte, biss ihn der Herausforderer in den Hals. Nun brach die Hölle los. Zuerst war es ein Schrei, ein Schrei, wie ihn Berglöwe noch nie gehört hatte. 'Er bringt ihn um', dachte er, und mit dieser Vermutung bewegte er sich sehr nahe der Realität. Der Haremsinhaber machte ernst. Dem Jüngeren würde bald die Kraft fehlen, das Weite zu suchen. Sein Fell zeigte mittlerweile an Brust, Schultern und Hals klaffende Risse. Nachtauge flüsterte: "Hilf ihm Vater; lass' ihn nicht umkommen". 'Was soll ich tun', dachte der Ältere, und dann kam ihm der Gedanke, mit dem er vor kurzer Zeit gespielt hatte: 'nicht den Schwarzen'. "Versuchen wir es mit dem Grauen". Sein Sohn blickte ihn erstaunt an, wusste er doch nichts von den Gedanken seines Vaters. "Pass' auf, ich versuche den Schwarzen abzulenken, und du schnappst dir den Grauen", sprachs und rannte in Richtung der kämpfenden Pferde los. Nachtauge sauste hinterher, ohne die Absichten seines Vaters vollständig erfasst zu haben. Der Grauweiße war inzwischen in die Knie gegangen. Der Leithengst ließ von ihm ab und umkreiste ihn trabend, den Schweif gleich einem gespannten Bogen aufgerichtet. Genau in diesem Moment sprang ihm ein brüllender Krieger der Cree entgegen und fuchtelte wild mit dem Lasso. Der Hengst bremste unvermittelt. Ungläubig starrte er auf das wild schreiende und fuchtelnde Etwas vor ihm. Dann sprang er zur Seite, mit blutunterlaufenen Augen den neuen Störenfried fixierend und ohne recht zu wissen, was nun zu tun wäre. Berglöwe setzte noch eins drauf. Er sprang mit ausgebreiteten Armen in die Höhe und brüllte den Hengst an. Dieser machte einen Satz rückwärts und stieg. Berglöwe sprang unter den schlagenden Vorderhufen hindurch und warf sich gegen den Pferdebauch. Der Hengst fiel einfach nach hinten um. Im nächsten Moment rappelte er sich wieder hoch und rannte völlig verstört zu seinen Stuten.

Nachtauge hatte inzwischen die Lassoschlinge um den Hals des Junghengstes geworfen. Dieser stand völlig apathisch mit abgespreizten Beinen da und begriff offenbar noch nichts. Berglöwe wandte sich Sohn und Pferd zu. Nachtauge hielt das Lasso unnötig straff, so dass das Pferd drohte, im nächsten Augenblick wieder in die Knie zu gehen. Der Vater nahm dem Jungen das Lasso aus der Hand und trat dicht an den Hengst heran. Er legte diesem eine Hand zwischen die Ohren, ließ das Lasso fallen und strich mit der anderen Hand sanft über die Nüstern des Pferdes. Dabei sang er leise den uralten Pferdezauber. Der Grauweiße zitterte, stand aber wie an den Boden geschraubt. Die Ohren richteten sich auf und seine Augen fanden den Blick des Indianers. "Freund, lieber Freund", sang Berglöwe, "sei ruhig, ich bin dein Bruder, wie wir alle Brüder sind im Rätsel des ewigen Kreises...". Nachtauge wagte kaum zu atmen. Seine Gefährten waren inzwischen hinzugekommen. Kein Gedanke mehr an das Einfangen von Ponys. Der Leithengst hatte sich ohnehin mit der Herde zu weit von ihnen entfernt und umkreiste immer noch aufgeregt seinen zeitlich begrenzten Besitz.

Inzwischen stand die Sonne hoch am Himmel. An einigen Stellen des übel zugerichteten Pferdes begann das Blut zu gerinnen. Berglöwe untersuchte vorsichtig die Wunden und stellte fest, dass sie, wie die meisten Wunden, schlimmer aussahen, als sie waren. Der Hengst erwachte langsam aus seiner Benommenheit, machte aber keine Anstalten zur Flucht. Stattdessen betrachtete er neugierig die Menschen vor sich. 'Er ist klug und dazu noch schön' dachte Berglöwe, und dabei fiel im schlagartig auf, dass gerade dieses Pferd etwas Außergewöhnliches an sich hatte. Was genau, konnte er noch nicht klar benennen. Jung war das Tier, höchstens drei Sommer alt und für dieses Alter kräftiger als gewöhnlich. Gerade das, das Bewusstsein dieser Kraft, mochte das Pferd dazu verleitet haben, sich auf diesen ausichtslosen Kampf einzulassen. Der Hengst schien Durst zu haben. Aus dem leicht geöffneten Maul hing ein Stück Zunge, und er atmete heftig. "Kommt, lassen wir ihn erst einmal saufen". Mit diesen Worten nahm Berglöwe das Lasso auf und so liefen alle zu dem am nächsten gelegenen Ufer des North Saskatchewan River.

Mondkiesel, die Frau des Berglöwen bemerkte die merkwürdige Gruppe als erste. Ein Mann und sechs Halbwüchsige mit einem Pferd. 'Wenigstens etwas, aber recht wenig' dachte Mondkiesel. Noch am Vorabend hatten die Jungs viele und gute Pferde herbeigeschwärmt, die sich allerdings mit dem letzten Rauch des niederbrennenden Feuers wieder verflüchtigten. Jetzt erkannte die Frau, dass dieses Pferd schlimm zugerichtet war. Eine spöttische Begrüßung ihres Mannes lag ihr bereits auf der Zunge. 'Einen halben Krüppel haben sie aufgelesen, und der ist ihnen sicher auch noch nachgelaufen'. Berglöwe sagte nichts, sondern führte das Pferd zum Tipi seiner Familie und band es an einem der Pflöcke fest. Dann verschwand er im Zelt, um bald darauf mit einer Birkenspanschachtel wieder herauszukommen. Mondkiesel beobachtete ihren Mann, wie er die Salbe aus Biberfett und Kräuterextrakten auf die Wunden des Pferdes auftrug. Sie ging hinüber zu ihm und betrachtete aufmerksam den Hengst, der ihr ebenso aufmerksam den Kopf zuwandte. "Du behandelst ihn wie den besten Krieger", sprach sie ihren Mann an. "Er ist ein Krieger, und was für einer. Er hat heute morgen seinen ersten Kampf bestanden und verloren. Es ist keine Schande, gegen einen Stärkeren zu verlieren. Sein Mut ist seine Stärke. Er wollte sich etwas holen, was einem anderen gehörte, obwohl er erkennen musste, dass er kaum Erfolg haben würde. Er wollte es dennoch".

"Wenn du Männergehabe mit Mut verwechselst, hast du Recht. Es ist in jedem Frühling dasselbe. Der eine wiehert und der andere bläst nächtelang in die Flöte, um ein Mädchen zu beeindrucken, ohne sich Gedanken darüber zu machen, ob es nicht bereits das Mädchen eines anderen ist. Gestern hat Biber für sein Flötenspiel einen Hieb mit der Faust bekommen und konnte froh sein, dass Schwarzwolf nicht die Keule dabei hatte". Berglöwe sparte sich eine Antwort. Er war nach der Wundversorgung damit beschäftigt, das Pferd genau zu untersuchen. Der Hengst stand ganz ruhig, zu ruhig, wie es Mondkiesel schien. Es war geradezu unmöglich, dass ein frisch eingefangener Mustang so ruhig alles über sich ergehen ließ. Die Frau trat nun auch näher an den Grauweißen heran. Neugierig schnoberte dieser in ihr Gesicht. Mondkiesel streichelte sanft die weiche Oberlippe worauf das Pferd diese hochzog und flämte. Die Frau sprach leise mit ihm. Nachtauge stand am Zelteingang und beobachtete seine Eltern. Noch nie hatte er gesehen, dass seine Mutter mit einem Pferd sprach, Unvermittelt rieb der Hengst seine Stirn an der Schulter der Frau. Mondkiesel wäre fast gestürzt, so unerwartet kam der Druck des Pferdeschädels. Erschreckt sprang die Frau zur Seite, das Pferd ebenfalls. Dann wieherte es leise.

"Nachtauge, komm zu mir", rief der Vater. "Wir müssen ihm einen Namen geben". 'Warum fragt er mich nicht nach meiner Ansicht', dachte die Frau. Das Pferd gefiel ihr. Dieses Tier hatte zu ihr gesprochen und es waren freundliche Worte gewesen. Sie hatte die Worte nicht mit ihrem Verstand gehört, sondern gefühlt - die Sprache derer, die sich mögen. Sie strich dem Hengst noch einmal über die Nüstern und ging in das Zelt zurück. Nachtauge stand nun bei Pferd und Vater. "Sieh ihn dir genau an, er ist das beste Pferd, was ich je traf. Schau dir seine Brust an. Er ist hart und ausdauernd. Und er ist ein guter Läufer. Schau dir die Beine an und den Rücken, Sohn. Er ist vollkommen. Viele werden uns um dieses Pferd beneiden". Nachtauge war noch nicht der Pferdekenner wie sein Vater. Dass dieses Tier schön war, sah er. Weshalb hatte ihn sein Vater gerufen? Ach so, es ging um einen Namen. Nachtauge war der Meinung, dass es ein wenig früh sei, dem Pferd einen Namen zu geben. Was wussten sie schon von ihm, außer seinen anatomischen Vorzügen. "Wir werden ihn tauender Schnee nennen", kam es unvermittelt von Berglöwe. "Schau dir sein Fell an. Sieht es nicht aus, wie einer der letzten tauenden Schneeflecken?" "Du hast Recht, Vater. Ich würde ihn aber nur Schnee nennen. Das ist kürzer". Berglöwe war einverstanden.

"Hör zu, Nachtauge, ich möchte, dass du dich um Schnee kümmerst. Es ist dein Pony. Du hattest den Mut, ihn mit dem Lasso zu fangen". Vater und Sohn kamen gerade vom Fluss, in dem sie ihr morgendliches Bad genommen hatten. "Das war doch keine Leistung. Er hatte solche Prügel bezogen, dass ich ihm auch hätte den Kinnriemen anlegen können". "Unterschätze nie eine Situation. Du weißt nicht, welche Kraft in diesem Tier steckt. Ich mache mir inzwischen Vorwürfe, dass ich dir sagte, du sollst ihm das Lasso überstreifen". Nachtauge schwieg. Immerhin hielt er sich seit seinem dritten Sommer sicher auf einem Pferderücken. Dennoch hatte er ein Pony bisher nie anders betrachtet, als ein notwendiges Transportmittel. "Binde ihn los und bringe ihn zum Fluss. Sieh ihn dir an. Du solltest sein Fell gründlich waschen". Vorsichtig näherte sich Nachtauge dem Pferd. In diesem Moment trat zwei Tipis weiter ein Mädchen aus dem Eingang. Der Junge zögerte. Wenn jetzt etwas schief ging, würden heute noch alle Mädchen über ihn lachen.

Das Mädchen schien ihn jedoch nicht zu beachten. Nachtauge verfolgte aus den Augenwinkeln ihren Gang in Richtung Flussufer. Als sie zwischen den Weiden verschwunden war, wendete er sich wieder dem Pferd zu. Schnee stand mit hängendem Kopf und bot einen traurigen Anblick. Das Fell war stumpf und außerdem klebte es von Schmutz und getrocknetem Blut. Der Junge näherte sich vorsichtig dem Pflock, an welchem das Pferd angebunden war. Der Hengst stand nach wie vor ohne die geringste Regung zu zeigen. Nachtauge band ihn los und führte ihn in Richtung des Flusses. Schnee folgte ihm ohne jeden Widerstand. Unvermittelt hob er den Kopf. Er witterte das Wasser. Nachtauge begriff sofort und ging zum Laufschritt über. Schnee trabte an und fiel kurz darauf in einen verhaltenen Galopp, so als wüsste er, dass er nicht zu schnell für den Lauf des Jungen werden dürfte. Kurz vor dem Flussufer ließ Nachtauge das Pferd los. Der Hengst stürzte sich mit einem lauten Wiehern in das Wasser und blieb dann in tiefen Zügen saufend stehen. Sein frischgebackener Besitzer legte Mokassins und Leggins ab und stieg mit einem Büschel vorjährigen Grases in den Fluss. Schnee blickte ihm aufmerksam entgegen, blieb aber ruhig stehen, als der Junge begann, Kruppe, Rücken sowie die unverletzten Stellen des Halses zu säubern. Schnee grunzte wohlig. Nachtauge stand nun vor dem Kopf des Pferdes. Das Tier blickte ihn in einer Weise an, dass er die Hände sinken ließ. Ein so unerhörter Blick war für den Jungen eine völlig neue Erfahrung. Rotflügels Augen waren wunderschön. Sie waren dunkel und sanft, und nachts, wenn Nachtauge lange nicht einschlafen konnte, weil er an Rotflügel dachte, sah er diese Augen vor sich: Augen, die ihn aus dem Dunkel anblickten. Der Blick des Hengstes hatte etwas von dieser Sanftheit; dennoch flackerte dahinter eine wilde Kühnheit und Leidenschaft. Spontan umschlang Nachtauge den feuchtwarmen samtigen Hals des Pferdes. Schnee ließ seinen Kopf schwer auf die Schulter des Jungen sinken und dieser sang den Pferdezauber, so wie er ihn von seinem Vater kannte, erst leise und dann in an- und abschwellenden Intervallen lauter und wieder leiser werdend. Der Hengst hielt ganz still, und als Nachtauge seinen Gesang beendet hatte, ließ er ein leises, brummendes Wiehern hören. Zwischen den Weiden am Ufer stand ein Mädchen und genoss dieses Bild. 'Sie passen zusammen', dachte sie. 'Einer ist so schön und stark wie der andere'.

Das Ergebnis der Büffeljagd war wesentlich knapper als in den Jahren zuvor. Besorgt tauschten sich die Alten und die angesehensten Krieger im Ratszelt über die schwindende Zahl der Büffel aus. Es würde schwer werden, mit den diesjährigen Vorräten über den Winter zu kommen. Als dann spät am Abend die Männer das Ratszelt verlassen hatten, schlüpfte Nachtauge hinein. Am Feuer saß in sich zusammengesunken der Geheimnismann und starrte in die Glut. Nachtauge ließ sich ihm gegenüber nieder und blickte ebenfalls in die langsam erlöschenden Flammen. Nach einer Weile formte sich ein Bild. Er sah zunächst verschwommen, dann immer klarer werdend, einen Teil Prärie, übersäht mit enthäuteten Büffelleibern, ein Bild, welches er in diesem Ausmaß noch nie gesehen haben konnte. Bis zum Horizont war das Grasland mit blutroten Büffelkadavern bedeckt, und dazwischen verliefen parallele Spuren wie die Schleifspuren der Schlepptraversen, nur ausgeprägter und tiefer. "Der weiße Mann bringt Tod und Vernichtung", äußerte sich unvermittelt der Geheimnismann. Nachtauge erschrak. Hatte Sprechender Bär das gleiche Bild in der Glut gesehen, und woher kam es? Wer war dieser "weiße Mann"? Er hatte die Krieger schon oft über die Weißen reden hören, größtenteils abschätzig, teils aber auch mit Furcht. Im letzten Sommer war einer der Krieger mit einer bösen Schusswunde am Oberschenkel in das Lager zurückgekehrt. Sie schien anfangs nicht schlimmer zu sein als eine Pfeilwunde. Zwei Tage später war das Bein unförmig angeschwollen. Sprechender Bär hatte daraufhin mit seinem Messer das Bein an der Wunde ein gutes Stück geöffnet und in einem Schwall von Blut und Eiter fiel ein kleines Stück Metall auf den Boden. Dieses kleine, aber schwere Stück Metall ging dann von Hand zu Hand der Krieger und der, dessen Wunde bald verheilte, trug es in seinem Medizinbeutel. Es brachte ihm keinen zusätzlichen Schutz. Einen Mond später traf er zwischen den Weiden am Fluß, ein gutes Stück unterhalb des Lagers, auf einen riesigen Graubär. Der Krieger hatte keine Chance.

"Dieses Bild, das du genauso wie ich im Feuer gesehen hast, hat seinen Ursprung weit in der Richtung der Mittagssonne jenseits des Schlammwassers", fuhr Sprechender Bär fort. "Der weiße Mann tötet um des Tötens willen. Bald wird es nicht mehr genug Büffel geben, um die Büffel selbst am Leben zu erhalten, geschweige denn, uns Nahrung zu geben. Die Weißen sind unvernünftig wie unwillige Kinder. Ich war ein junger Krieger, und mit der Unvernunft der Jugend wollte ich mich unter den Kriegern hervortun. Eine der ruhmreichsten Taten ist es, einen Graubären mit dem Messer zu töten. Es ist ein Ritual. In jedem Grauen lebt die Seele eines großen Kriegers. Dennoch wird es keinem Krieger einfallen, sich auf einen Kampf mit dem Bären einzulassen; es sei denn, er wird von ihm angegriffen. Ich suchte lange nach einem der besonders großen Bären. Wir hatten gerade unser Winterlager bezogen. Ich ging für längere Zeit in die Berge, um nach einem der Bären Ausschau zu halten, die sich vor dem ersten Schnee noch genügend Speck für den Winter anfressen. Eines Tages, ich hatte gerade an einem Bach getrunken, richtete ich mich ahnungslos auf. Er stand mir gegenüber auf der anderen Bachseite. Ich habe in meinem Leben schon viele Bären gesehen. Dieser war der größte, der mir je begegnet ist. Heute kann ich ohne Scham gestehen, dass ich mir damals vor Schreck das Lendentuch nass machte. Der Graue blieb unbeirrt stehen. Er blickte mich an, und in seinen Augen fand ich Spott und Mitleid. Dann begann er zu mir zu sprechen: Was suchst du mich, um mich töten zu wollen? Hast du Hunger? Was willst du mit einem ganzen Bären so weit von deinem Lager? Ich wurde nicht geschaffen, um dem Ehrgeiz eines jungen Kriegers zu dienen. Ich habe ebenso nichts davon, einen zu töten, der bald in die Geheimnisse des Lebens eingeweiht werden wird. Du wirst ein großer Krieger und ein noch größerer Geheimnismann. Auf dich warte deine Aufgabe und auf mich die meine. Weshalb sollten wir ohne Not miteinander kämpfen? Ich weiß nicht, wie lange ich stocksteif an diesem Bachufer stand. Ich bin mir sicher, dass ich es nicht, auch ohne die Worte des Bären gewagt hätte, mein Messer gegen ihn zu ziehen. Als ich aus dieser Starre wieder zu mir kam, war der Bär fort. Ich habe nie wieder versucht, einen Grauen zu töten. Die Bärin ist unsere Ahnmutter. Wir sind ihre Kinder und alle sind wir Brüder und Schwestern". Sprechender Bär schwieg. Nachtauge kannte die Geschichte bereits von seiner Großmutter, wie die Geschichte der Bärenkinder überhaupt. Großmutter hatte die Geschichte des spechenden Bären seinerzeit natürlich mit einiger Ironie erzählt. Heute konnte Nachtauge durch die anschaulichen Worte des Geheimnismannes die Szene so sehen, als erlebe er sie selbst.

Der Alte hatte die Augen geschlossen und sang leise vor sich hin. Die Glut des herabgebrannten Feuers beleuchtete Kinn, Nase und Falten seines Gesichtes. Sprechender Bär sang sich in Trance, und Nachtauge schlüpfte leise aus dem Tipi. Der Vollmond stand über dem weiten Tal, und in seinem Licht schimmerten die Blätter der Weiden, Espen und Pappeln silbern. Der Junge sog die frische Nachtluft tief ein, so als könne er damit das im Feuer gesehene Bild endgültig in sich auslöschen. Nicht weit von ihm dösten die Pferde. Nachtauge ging zu ihnen hinüber. Schnee löste sich aus der Herde und kam ihm entgegen. Der Hengst prustete dem Jungen verhalten in den Halsansatz und dieser legte die Arme um den Hals des Pferdes. Ein unerhörtes Gefühl der Liebe durchströmte ihn. Noch nie hatte er für ein Tier eine solche Zuneigung empfunden, und noch nie hatte er andererseits durch ein Tier eine solche Zuneigung erfahren. Es war gut so. "Bruder, mein lieber Bruder", flüsterte Nachtauge. Schnee antwortete mit einem leisen Wiehern und rieb die Stirn an der Schulter des Jungen. Plötzlich hob das Pferd den Kopf. Im selben Moment legte sich ein muskulöser Arm um die Schulter des Jungen. "Es ist gut, mein Sohn, lass uns alle schlafen". Berglöwe hielt den Arm um die Schulter des Jungen gelegt, bis sie in das Tipi schlüpften.

Der Sommer neigte sich. Das Büffelgras war verdorrt und färbte das Land mit dem um diese Jahreszeit üblichen Graugelb. Die eingestreuten Büsche des Präriesalbeis verliehen dieser Farbe einen silbrigen Schimmer. In wenigen Wochen würden die Bärenkinder in ihr Winterlager zwischen die schützenden Vorberge am Fuße der ewig weißen Felsenberge ziehen. Es stand nicht gut um die Wintervorräte des Stammes. Das getrocknete Fleisch einiger weniger Gabelböcke war eine nur unvollständige Ergänzung. Die anderen Präriestämme mochten sich ähnliche Sorgen um den langen bevorstehenden Winter machen. Eines Tages meldete ein Krieger, der einen Tagesritt entfernt nach Gabelböcken gejagt hatte, einen Trupp Assiniboine. Es kam hin und wieder vor, dass vereinzelte Trupps der Präriestämme die Reviere eines Nachbarstammes streiften, ohne dass dieses zu Konflikten geführt hätte. Allerdings stellte die Tatsache, dass sich Vertreter dieses Stammes so weit im Norden aufhielten, etwas Ungewöhnliches dar. Laut Beschreibung des Kriegers handelte es sich um einen Trupp von etwa einem Dutzend Männern. Am Abend saßen die Männer der Bärenkinder mit dem Geheimnismann und Krähenwolf, dem Häuptling, lange im Ratszelt. Die Debatte über die Frage, warum sich Krieger der Assiniboine so nahe bei ihnen herumtrieben, beendete schließlich Krähenwolf mit der Entscheidung, dass er und zehn weitere Krieger den Eindringlingen entgegenreiten und die Gründe für deren Auftauchen herausfinden sollten. Für den Fall, dass es zu einem Konflikt käme, sollten sich zehn weitere Männer in entsprechendem Abstand gedeckt in Reserve halten. Nachtauge hatte sich gerade zum Schlafen niedergelegt, als sein Vater in das Zelt zurückkehrte. "Du wirst morgen mit mir reiten", sprachs und kroch ohne ein weiteres Wort unter das Fell zu Mondkiesel.

Durch das Türkis des östlichen Himmels zogen sich ansteigend lange Streifen rotgoldener Zirruswolken. Nachtauge stand fröstelnd und wartend mit Schnee bei Schwarzwolf, Biber, seinem Vater und den restlichen Kriegern, als Krähenwolf auf seinem Schecken herantrabend mit einer Handbewegung das Zeichen zum Aufbruch gab, Keiner der erfahrenen Krieger hatte sich gewundert, dass Berglöwe den Sohn mitnahm. Immerhin zählte der Junge inzwischen siebzehn Winter und versprach, ein zäher und gewandter Krieger zu werden. Nachtauge hatte sich noch nicht im Kampf auszeichnen können. Allerdings war er unter den Jungen in seinem Alter der beste Bogenschütze und einer der besten Reiter.

Zunächst folgten die Männer dem Lauf des Flusses in Richtung der aufgehenden Sonne. Kurz nach dem Aufbruch bemerkte Nachtauge ein Mädchen zwischen den hängenden Zweigen einer Weide. Auch wenn er ihr den Blick nicht direkt zuwandte, war er sich sicher, dass es nur Rotflügel sein konnte. Es gab zwischen ihr und ihm eine Verbindung, und er glaubte fest, dass sich ihre Seelen seit ewigen Zeiten kannten. Dennoch blickte der junge Indianer starr geradeaus, schon um sich nicht dem Spott der Männer auszusetzen. Die Sonne stand etwa eine Handbreit über dem Horizont, als die Hälfte Teil des Trupps trabend nach Süden abbog, einer Senke zwischen zwei langgezogenen Hügeln folgend. Nur wenig später vollführte auch der Rest unter der Führung von Krähenwolf einen leichten Schwenk nach Südosten in die Senke auf der anderen Seite des zweiten Hügels. Die Indianer ritten schweigend in Kette hintereinander. Auf einer Pappel saß eine Rotbrustdrossel und sang ihr Morgenlied, das sie auch nicht unterbrach, als die Ponys mit ihren Reitern unter ihr entlang trabten. Die Schatten, welche die aufsteigende Sonne von den Reitern bizarr und ineinander übergehend in das vom Morgenwind bewegte Gras zeichnete, waren noch lang, als Krähenwolf mit der erhobenen Rechten seinen Schecken anhielt. Sie befanden sich jetzt in einer tiefen Mulde, die von der ursprünglichen langgezogenen Senke in spitzem Winkel nach Osten führte. Krähenwolf glitt vom Rücken seines Pferdes. Ohne Kommando folgten die übrigen Reiter seinem Beispiel und gruppierten sich um ihren Häuptling.

Krähenwolf winkte Nachtauge zu sich. "Du wirst hier bei den Pferden warten" und zu den übrigen Männern gewandt "Biber wird von diesem Hügel", damit deutete er auf die nächste Erhebung, "die Männer der Assiniboine beobachten. Wir umgehen den Hügel und werden die Assiniboine direkt treffen. Sollte sich etwas ereignen, was wir noch nicht wissen können, wird Biber den versteckten Kriegern ein Zeichen geben und zu dir, Nachtauge, herunterkommen. Dann wartet ihr hier". Nachtauge bemühte sich vergeblich dahinterzukommen, woher Krähenwolf wusste, dass sich die Eindringlinge nun genau hinter diesem Hügel befanden. Was meinte der Häuptling außerdem mit den Ereignissen, von denen sie noch nichts wissen konnten? Berglöwe beobachtete seinen Sohn. Er wusste von den unausgesprochenen Fragen Nachtauges. Er blickte seinem Sohn fest ins Gesicht. Nachtauge versuchte, dem Blick seines Vaters so fest wie möglicht zu begegnen. "Sohn, hast du verstanden, was du tun sollst?" Nachtauge nickte und wurde sich im selben Moment bewusst, dass er kaum etwas verstanden hatte, aber so handeln würde, wie Krähenwolf es wollte. Biber war inzwischen durch das hüfthohe Gras hangaufwärts gehuscht. Die übrigen Männer umgingen indessen auf der Nordwestseite in einer leicht ansteigenden Senke die Anhöhe. Bald waren sie für Nachtauge nicht mehr zu sehen und diesem blieb jetzt lediglich sein Freund Schnee, der neben ihm wie alle anderen Ponys seelenruhig graste. Der Junge hatte das Bedürfnis, seine innere Spannung mit jemandem zu teilen. Nichts ist so unangenehm, als wenn man vor etwas Unbestimmtem Angst hat und es ist niemand da, mit dem man sich über die Situation austauschen kann. Eines der Pferde wälzte sich ausgelassen. Es war die fast schwarze, ausdauernde Stute seines Vaters.

Nachtauge wurde ruhiger. Er wusste, dass Tiere viel früher als Menschen eine Gefahr spüren. Fast unmittelbar vor seinen Füßen suchte ein Erdhörnchen nach einem unerkennbaren Ziel. Hinter ihm erklang der Schrei eines Falken und darauf der warnende Pfiff eines Präriehundes. Die Sonne hatte ihren höchsten Punkt erreicht; ein lauer Ostwind trug den Duft ausgedörrten Grases über die Prärie und kämmte die Spitzen der Halme zu endlos folgenden Wellen. Unvermittelt berührten ihn samtige Pferdelippen im Nacken. Schnee begann hingebungsvoll an den Haaren seines Freundes zu knabbern. Nachtauge musste lachen. Er drehte sich um und legte beide Arme um den Hals seines Pferdes. So bemerkte er nicht, dass Biber vom Hügel zurückgekommen war. Der Pferdewächter erschrak fast zu Tode, als ihn der Krieger antippte und lautlos lachend in das erschrockene Gesicht des Jungen blickte. "Komm, halten wir die Pferde bereit". Mehr verriet Biber nicht. Dem angehenden Krieger Nachtauge, der zudem noch keinen richtigen Kriegernamen trug, schoss das Blut zu Kopf. Biber wusste, auch ohne genauer hinzusehen, was den Jungen im Moment bewegte. Für den Augenblick betrachtet, mochte es für Nachtauge eine Katastrophe bedeuten, sich nur einen Moment lang der Unaufmerksamkeit schuldig gemacht zu haben. Biber verkniff sich einen Scherz, den er bereits auf den Lippen hatte, als er Nachtauge und dessen Pferd in so vertraulicher Abwesenheit überrascht hatte. Ihm war klar, wie dem Jungen im Augenblick zumute war, wusste es aus eigener Erfahrung. Nie wieder, dessen war er sich sicher, würde der angehende Krieger in seiner Aufmerksamkeit nachlassen.

Die Sonne senkte sich bereits, als die, welche den Assiniboine entgegengezogen waren, auftauchten. Zwischen ihnen ritten die Vertreter der südöstlichen Nachbarn. Nun war Nachtauge fast enttäuscht, dass alles so friedlich abzulaufen schien. Das Bewusstsein des eigenen Versagens verlor sich hinter der Enttäuschung, sich nicht in einem Kampf auszeichnen zu können. Neben Krähenwolf, der zu Fuß dagegen recht unscheinbar schien, ritt ein gewaltig wirkender Assiniboine. Nach den Federn zu urteilen, die schräg abwärts und unterschiedlich markiert von Hinterkopf dieses Mannes herabhingen, war dieser ein Unterhäuptling eines großen Stammesverbandes. Es waren insgesamt wenig mehr als ein Dutzend Assiniboinekrieger, die, als die ganze Gesellschaft Pferde und Wächter der Cree erreicht hatten, von ihren Ponys absaßen. Nun schien Nachtauge der Unterhäuptling gar nicht mehr so gewaltig. Dessen Pferd, ein struppiger Schecke, war recht klein geraten. Dieser Kontrast mochte jenen ersten Eindruck hervorgerufen haben.

Der Assiniboine war nur wenig größer als Nachtauges Vater, dafür aber breiter in den Schultern. Er wirkte kantiger und bei weitem nicht so geschmeidig wie Berglöwe. Der Vater bedachte seinen Sohn mit einem kurzen, prüfenden Blick, der in dem Jungen das Peinliche seiner Nachlässigkeit wieder wachrief. Danach vergewisserte sich Berglöwe von der Vollzähligkeit der Ponys, nickte seinem Sohn zu und äußerte sich nur mit einem Wort: "Gut". Nachtauge erlebte einen wiederholten Anfall von Scham. Dazu gesellte sich die Qual der möglichen Entdeckung seiner Schande. Würde Biber den Mund verschlossen halten? Dieser hatte sich wie alle anderen am Boden niedergelassen. Ein kleines Feuer war entzündet worden. Nachtauge roch den würzigen Rauch brennenden Präriesalbeis. Er hatte in seiner Verwirrung nicht einmal bemerkt, wer und wann das Brennmaterial zusammengetragen hatte. Verlegen stand er außerhalb des Kreises, die Hand auf den Widerrist seines Pferdes gelegt. Er war unsicher, wie er sich verhalten sollte. Schließlich entschloss er sich für die Rolle der Wache und trabte leicht geduckt auf den Rücken des Hügels, auf welchem vor nicht allzulanger Zeit Biber die sich anbahnenden Dinge verfolgt hatte. Niemand hielt ihn auf. Nachtauge hatte in aller Selbstverständlichkeit eine Aufgabe übernommen, für die keiner der Übrigen im Augenblick Zeit hatte. Jene rauchten inzwischen die Pfeife. Nach dem Ende der Zeremonie sprachen sie miteinander. Hauptthema war die immer geringer werdende Zahl der Büffel.

Den Assiniboine war es ähnlich ergangen, wie den Bärenkindern. Das Resultat der Jagd deutete einen weiteren harten und entbehrungsreichen Winter an. Bei dieser Gelegenheit erfuhren die Abgesandten und Kundschafter der Assiniboine, dass es den Cree auch nicht besser ergangen war - keine Aussicht auf Eintauschen von Waffen oder anderen wichtigen Gegenständen gegen Fleisch. Ein Versuch, den Cree die Vorräte zu rauben, kam nicht in Frage. Für den weit größeren Verband der Assiniboine hätten diese Vorräte das Defizit auch nicht vollständig ausgleichen können. Zudem hätte ein solches Unternehmen etlichen Kriegern den Tod gebracht. Schließlich kamen alle Versammelten zu dem Schluss, dass ausgerechnet von den Richtungen der aufsteigenden und später hoch am Himmel stehend wärmespendenden Sonne etwas Bedrohliches auf sie zukam. Mit den Weißen hatten die Assiniboine mehr Erfahrung als die Cree. Dennoch waren sie, anders als die jenseits des großen Schlammwassers, des Missouri, lebenden Stämme von Siedlertrecks, Landvermessern und Militärpräsenz verschont geblieben. Händler waren hin und wieder aufgetaucht und hatten Gewehre, Munition, Messer und eiserne Pfeilspitzen gegen Büffeldecken getauscht. In den Weiten der Prärie gab es außer reichlich Gras vorerst nichts zu holen.

Während der Gespräche blickte Biber interessiert auf das Gewehr eines der fremden Krieger. Diesem entging die Faszination in den Augen des anderen nicht. Er erhob sich und setzte sich neben den Cree. Vorsichtig berührte Biber erst das Ende des Laufes und strich mit der Hand hinab zum Schaft. Es war eines der von Händlern geschmuggelten Armeegewehre, ein Vorderlader, allerdings nicht mehr eines von den Steinschlossgewehren, sondern mit Zündnadel. "Gut?", fragte Biber den anderen. Der Assiniboine wiegte den Kopf. "Du kannst damit nicht so schnell schießen, wie mit Pfeil und Bogen. Die Kugel fliegt aber viel weiter als ein Pfeil und durchschlägt auch den stärksten Schild". Biber versuchte in seinen Gedanken zu ergründen, wie dieser Gegenstand tödlicher Vollständigkeit zu handhaben wäre. Er selbst hatte vor wenigen Sommern die lange Kentucky-Büchse eines weißen Pelztierjägers in die Hand nehmen dürfen. Die Schwere der Waffe und die Umständlichkeit der anschließenden Demonstration des Besitzers, wie das Gewehr geladen und abgefeuert wurde, hatte in Biber alles Interesse dafür erlöschen lassen. Dieses Gewehr hier war kürzer und wesentlich leichter. Dennoch war sein eigener Bogen immer noch handlicher. Zudem brauchte es zu dessen Gebrauch keines Pulvers und Munition. Indem man also ein Gewehr besaß, war man weiterhin von den Weißen abhängig.

Während Biber das Gewehr betrachtete, ruhte ein anderer, in diesem Fall recht begehrlicher Blick auf Schnee. Das Pferd hatte sich grasend in das Blickfeld des Unterhäuptlings "Fels im Eis" geschoben. Der Assiniboine ließ sich nichts anmerken, dachte er zumindest. Berglöwe, der ihm schräg gegenüber saß, erkannte den Blick und wusste, wem dieser galt. Da keine Frau in der Nähe war, konnte dieses kurze Aufflackern in den Augen des Unterhäuptling nur einem bestimmten Pferd gelten. Nachtauge hatte oben auf dem Hügel inzwischen durch gegenseitiges Heben der Hand Kontakt zu den in Deckung liegenden Kriegern auf dem Nachbarhügel aufgenommen. Schwarzwolf hob für einen kurzen Augenblick seinen Kopf aus dem Gras, und Nachtauge hatte ihn entdeckt. Unten waren inzwischen die letzten Worte gesprochen. Assiniboine und Cree erhoben sich. Kurz darauf kam Nachtauge von der Anhöhe herunter.

Die Indianer bestiegen ihre Pferde und grüßten mit der erhobenen Rechten zum Abschied. Ein möglicher Konflikt war abgewendet. Berglöwe sah das Resultat dieses Ausganges nicht vollständig positiv. Er wußte, dass Fels im Eis um jeden Preis versuchen würde, in den Besitz von Schnee zu gelangen. Wie und zu welchem Resultat das führen würde, wusste Berglöwe nicht. Außerdem fragte er sich, was die Assiniboine wirklich außerhalb ihres Stammesgebietes gesucht hatten. Das direkt zu hinterfragen, hatte Krähenwolf aus Gründen der Höflichkeit vermieden. Das alles machteBerglöwe unruhig und raubte ihm die Konzentration auf die Frage, wie dem vorzubeugen wäre. Nachtauge ritt vor seinem Vater und konnte von dessen Sorgen nichts ahnen. Er war immer noch mit dem gedanklichen Durchspielen von Situationen beschäftigt, in denen er sich nie wieder eine solche Blöße geben würde.

Inzwischen war die Sonne hinter dem nächsten Hügelrücken verschwunden. Es wurde zunehmend dunkler. Nachtauge verspürte Müdigkeit. Die Anspannung des Tages konzentrierte sich auf Schmerzen in den Schenkeln und im Rücken. Er wollte einfach nur absitzen und sich für einen Moment im Gras ausstrecken. Es gab keinen Halt, nichts was den aktuellen Wünschen Nachtauges entsprochen hätte. Nicht einmal eine kurze Pause, in der man die verkrampften Glieder hätte strecken können. Krähenwolf legte mit seinem falben Hengst einen scharfen Trab vor, der Nachtauge an den Rand der Verzweiflung brachte. Nahezu willenlos rutschte er auf Schnees Rücken von einer Seite zur anderen, unfähig, seine Schenkel an den Flanken des Pferdes zu halten. Sein Vater beobachtete ihn und bat inständig darum, dass sein Sohn durchhalten möge. "Großer Geist und du Mutter allen Lebens, gib meinem Sohn Kraft. Lass die Ausdauer seines Pferdes in ihn strömen, so dass er nicht zur Schande werden möge", murmelte Berglöwe leise vor sich hin. Dabei war er sich dessen bewußt, dass er der Verursacher dieser Schande wäre. Dieses Eingeständnis machte es auch nicht besser. Der Rücken des Sohnes straffte sich. In der herrschenden Dunkelheit war das nur schwer auszumachen.

Nachtauge selbst spürte nichts mehr. Er glitt in einem Dämmerzustand dahin und träumte, dass ihn der Rat der Alten ausgewählt hatte, geraubte Pferde zurückzuholen. Unter diesen Pferden entdeckte er Schnee. Nachtauge erschrak und war schlagartig hellwach. Nun erkannte er eine Pappel, die als dunkle Silhouette vor der leuchtenden Scheibe des Mondes stand, die gerade hinter dem Horizont auf der anderen Seite des Flusses emporstieg. Genau unter dieser Pappel hatte er mit seinem Blick die Augen eines Mädchens gefunden - einen Augenblick nur. Es war immerhin lange genug dafür, dass diese Augen seitdem in den Nächten im Dunkel des Tipis zu ihm zurückkehrten und Sehnsucht in ihm weckten. "Rotflügel" sprach er leise vor sich hin und wäre am Ende beinahe von seinem Pferd gefallen, wenn der Trupp nicht inzwischen das Ziel erreicht hätte. Berglöwe glitt von seinem Pony und half seinem Sohn bei dessen unsicherem Versuch abzusitzen. Fast musste er ihn tragen.

Diffuses Grau und durchdringende Kälte zeigten bereits den neuen Tag an. Nachtauge stand benommen vor dem Tipi seiner Familie. Mondkiesel trat aus der runden Öffnung hinter der Klappe hervor. "Kommt schnell rein, eine warme Suppe wartet auf euch". Berglöwe schob seinen Sohn vor sich her, der, sich im Eingang bückend, beinahe hineingefallen wäre. Die Luft im Inneren nahm ihm, der sich den ganzen Tag über in der offenen Prärie aufgehalten hatte, fast den Atem. Nachtauge knickte in den Knien ein, und Mondkiesel half ihm zu seinem Schlafplatz. Dort lag er eine ganze Weile, richtete sich dann aber auf und verlangte, von der Quelle des köstlichen Duftes essen zu dürfen. Seine Mutter lächelte. Genau dieses Lächeln war einer der Gründe, weshalb Berglöwe diese Frau liebte. Monkiesel kniete indes neben ihrem Sohn und flößte ihm die Brühe von Büffelmarkknochen ein. Den Rest der Malzeit verpasste Nachtauge, denn er war eingeschlafen. Berglöwe fing für einen Moment den Blick seiner Frau auf. "Es war ein guter Tag". Mondkiesel stellte keine Fragen. Wenn ein Mann sprechen wollte, sprach er. Ihr entging nicht, dass ihr Mann nachdenklich vor sich hinstarrte. Dann legte er sich hin und war im Handumdrehen eingeschlafen. Der liebevolle Blick der Frau ruhte noch eine Weile auf ihren zwei "Helden". Schließlich legte sie Kleid und Leggins ab und schmiegte sich unter der schweren Büffeldecke an ihren Mann. Dieser quittierte ihre so unmittelbare Nähe lediglich mit einem tiefen Schnarcher.

Es ereignete sich eines Morgens. Nachtauge folgte auf Schnee dem Flusslauf ein gutes Stück abwärts. Das Laub der Pappeln und Espen leuchtete golden in den ersten Strahlen der Morgensonne. Die Luft war von einer unerhörten Klarheit. Nachtauge genoss es, auf seinem Pferd dahingoloppierend, seinen bloßen Oberkörper der frischen Kälte darzubieten. An einer Flussbiegung hielt er an. Das war seine Badestelle. Das sandige und nahezu steinfreie Ufer war hier breiter als an der üblichen Badestelle unmittelbar beim Lager. Außerdem gab es hier einen größeren Bereich mit fast strömungsfreiem Wasser. Schnell legte er Mokassins, Leggins und Lendentuch ab, schwang sich wieder auf den Rücken von Schnee und trieb das Pferd in den Fluss. Dann ließ er sich heruntergleiten und schwamm zügig flussaufwärts. Schnee kannte dieses allmorgendliche Ritual und wusste, dass sein zweibeiniger Freund anschließend wieder in Ufernähe mit ihm spielen würde. Dieser ließ sich nun auf dem Rücken liegend ein Stück von der Strömung treiben, um dann mit kräftigen Zügen einen Steinwurf weit oberhalb des Pferdes in Richtung Ufer zu schwimmen. Dann stand er bis zu den Oberschenkeln im Wasser und rief den Hengst. Schnee wandte sich nun ebenfalls dem Ufer zu. Als er nahe genug heran war, spritzte der Junge mit beiden Händen Wasser nach ihm. Schnee blinzelte und kam näher. Sobald er sich in flacherem Wasser befand, stieg er leicht und "rächte" sich mit nach vorn im Wasser schlagenden Vorderhufen an Nachtauge. Dieser wich mit dem Rücken zum Ufer lachend den Fontänen aus. Urplötzlich unterbrach Schnee seine spielerische Abrechnung und stieß ein warnendes Wiehern aus. Bevor sich Nachtauge umwenden konnte, traf ihn ein harter Schlag am Hinterkopf und raubte ihm für einen Moment das Bewusstsein. Er kam im Fluss liegend wieder zu sich, richtete sich langsam auf und hustete würgend das geschluckte Wasser aus. Dann hörte er das sich vom Ufer entfernende Trommeln von Pferdehufen und Schnees wütendes Schreien. Der Junge war mit wenigen Sätzen aus dem Wasser. Er konnte gerade noch sehen, wie zwei Indianer, mit dem wild nach den Seiten ausschlagenden Hengst zwischen ihnen von je einem Lasso vorwärts gezerrt, auf ihren Ponys in Richtung Süden über die sich am Fluss hinziehende Hügelwelle verschwanden.

Am Abend beriet sich Berglöwe mit dem Häuptling. Eine Verfolgung der Diebe machte im Augenblick wenig Sinn. Zwei Sonnenaufgänge später würden die Bärenkinder das Winterlager beziehen. Der Zeitpunkt des Raubes war gut gewählt. Lange rätselten die beiden Männer, in welchem der südlich lebenden Stämme Schnee und dessen Diebe zu finden wären. Leider hatte Nachtauge außer der Tatsache, dass es sich um Indianer handelte, nichts weiter erkennen können. "dass sie in die Richtung der Mittagssonne geritten sind, hat nichts zu bedeuten", äußerte sich Berglöwe nach einer Pause der Nachdenklichkeit. "Das soll uns vielleicht zu den Gros Ventres führen, wo wir den Hengst natürlich nicht finden würden". "Was willst du", Krähenwolf legte Berglöwe seine Hand auf den Unterarm, "sind nicht etliche Stuten von diesem Hengst trächtig? Es wird doch im Frühling ein Hengstfohlen darunter sein, das deinem Sohn die Trauer um den Verlust seines Pferdes nimmt. Wir verlieren zu viel Zeit damit, wenn wir die Diebe verfolgen. Für Nachtauge allein oder mit dir zu zweit wäre eine Verfolgung zu gefährlich". Aus Krähenwolf sprach die Vernunft. Bedrückt verließ Berglöwe das Tipi. Er wusste noch nicht, wie er den Entschluss dessen, der für den Stammesverband Verantwortung trug, seinem Sohn beibringen sollte.

Dieser war nicht im Zelt, als sein Vater einen Moment später die Klappe öffnete. Berglöwe hatte es nicht anders erwartet, war aber dennoch über diese Tatsache bestürzt. Mondkiesel sah für einen Augenblick hinter ihrem Mann durch die Eintrittsöffnung den sternenklaren Himmel. Sie schwieg und Berglöwe fragte nicht. Schweigend setzte er sich seiner Frau gegenüber an das nur noch schwach brennende Feuer. Mondkiesel war traurig. Sie hätte sich gewünscht, dass sich ihr Mann zu ihr gesetzt und sie in die Arme genommen hätte. Sie sah den Mann auf der anderen Seite der Feuerstelle und, was ihre Trauer noch vertiefte, sie sah, dass Berglöwe selbst litt. In sich zusammengesunken saß er mit untergeschlagenen Beinen, und die Falten um seinen Mund schienen auffälliger. "Nachtauge fühlt sich schuldig am Verlust seines Pferdes. Er meint, er hätte besser aufpassen sollen". "Das ist es nicht. Wie hätte er wissen sollen, dass ein so außergewöhnliches Pferd Neid erregt. Ich bin mir ziemlich sicher, wo die Diebe zu finden sind. Ich mache mir Vorwürfe, dass ich Nachtauge nichts von Fels im Eis erzählt habe. Dennoch, wenn der Junge die Spur aufnimmt, muss er auf die Diebe stoßen. Ich sollte ihn nicht allein lassen. Verzeih mir, dass ich dich nicht an dem teilhaben ließ, was für Männer so wichtig scheint". Trotzdem Mondkiesel nicht verstand, was es mit Fels im Eis auf sich hatte, trieb ihr der letzte Satz der Rede ihres Mannes die Schamröte ins Gesicht. Noch nie hatte sie ihr Mann um Verzeihung gebeten.

Im Hintergrund des Zeltes räusperte sich Berglöwes Mutter demonstrativ. Mondkiesel blickte ihrem Mann in die Augen. Sie fand ein Feuer in ihnen, von dem sie geglaubt hatte, es sei erloschen. Berglöwe seinerseits entdeckte in den Augen seiner Frau eine unendliche Liebe und Hingabe für den, welcher sie kaum nach ihren Ansichten fragte. Berglöwe erhob sich und trat zu seiner Frau. Mondkiesel hatte sich ebenfalls erhoben. In den Augen beider funkelte die ursprüngliche Verbundenheit. "Ich werde mein Pferd nehmen und unserem Sohn folgen". Er nahm Bogen, Köcher und Steinkeule und glitt aus dem Zelt. Als er gerade aufsitzen wollte, stand seine Frau neben ihm und reichte ihm einen Beutel mit getrocknetem Büffelfleischstreifen. Berglöwe strich ihr über das Haar. "Mach dir keine Sorgen. Es wird gut, das weiß ich".

Nachtauge litt Höllenqualen. Auf einem der besten Pferde seines Vaters galoppierte er am Fluss entlang. Der Mond stand hoch am Himmel und tauchte alles in ein blausilbernes Licht. An der bewussten Badestelle glitt er vom Rücken des Mustangs und untersuchte den Boden nach Spuren. Bald hatte er deren Anfang gefunden. Sie waren im Mondlicht deutlich auszumachen. Nahe am Ufer war der Boden aufgewühlt, und etwa hundert Schritt weiter entdeckte er nicht geradlinig verlaufende Hufabdrücke, links und rechts davon, in jeweils etwa zwanzig Schritt Abstand, die Spuren weiterer zwei Pferde. Es war genau so, wie er es am Morgen undeutlich wahrgenommen hatte. Schnee hatte sich aus Leibeskräften gewehrt. Nachtauge sprang auf sein Pony. Fast über dem Widerrist liegend und sein Pferd heftig treibend, folgte er der immer noch deutlichen Fährte. Er musste Schnee zurückholen. Es war sein Pferd. Sein Vater hatte es ihm anvertraut. Von Westen her, das konnte er noch nicht wissen, raste ebenso wild entschlossen ein Reiter auf einen Punkt zu, an welchem sie sich bei aufgehender Sonne treffen mussten. Berglöwe trieb sein Pferd erbarmungslos an. Schaumflocken vom Hals des Tieres trieben am Reiter vorbei, oder blieben gelegentlich für einen Augenblick an dessen Brust und Oberschenkeln hängen.

Der Sonnenaufgang war gewaltig. Nachtauge nahm es nur nebenbei wahr. Er durchquerte gerade eine langgezogene Senke zwischen zwei Hügelrücken. Als sein Pony dann hangaufwärts ein wenig langsamer wurde, gewahrte der Junge einen zweiten Reiter, der diagonal auf ihn zukam. Nachtauge brachte sein Pferd zum Stehen. Wenige Augenblicke später erkannte er seinen Vater. Gerade das war es, was er am wenigsten erwartet und gewünscht hatte. Berglöwe zügelte seine Stute zu einem verhaltenen Trab. Als er heran war, suchte er die Augen seines Sohnes. Nachtauge blickte zu Boden. "Folgen wir der Spur gemeinsam". Das war alles, was der Vater im Moment zu sagen hatte. Zunächst folgten sie der Richtung der Mittagssonne. Als die Sonne ihren Scheitelpunkt erreicht hatte, führte die Fährte in einem leichten Knick nach links. Berglöwe hielt sein Pferd an. "Ich ahnte es, Fels im Eis, erinnerst du dich Nachtauge?" Dieser nickte, obwohl er im Moment nicht wusste, warum er sich gerade an diesen Unterhäuptling erinnern sollte. "Es wird schwierig, wenn nicht gar unmöglich", fuhr der Vater fort. "Es mag sein, dass du es seinerzeit nicht bemerkt hast. Wie hätte es dir auch auffallen sollen. Du warst ja oben auf dem Hügel. Es ist nicht deine Schuld, Junge. Ich hätte Dir davon erzählen müssen. Du hattest nur Augen für deine Aufgabe, zumal du dir einen Fehler geleistet hattest". Woher wusste sein Vater das nun wieder. Biber hatte nicht geplaudert, dessen war er sich sicher. "Was meinst du, Vater?" "Es ist gut; ich dachte damals, ich bilde mir nur ein, etwas zu sehen. Es war mir vom ersten Augenblick an klar, dass Schnee ein außergewöhnliches Pferd ist. Manchmal schien mir, dass ich ihn schon lange Zeit zuvor kannte. Ich hätte wissen müssen, dass ein jeder, der auf Pferde angewiesen ist, die Vorzüge dieses Tieres erkennt und das Pferd auch will. Siehst du, du willst um jeden Preis Rotflügel (woher wusste der Vater auch das?) und du wirst sie gewinnen. Wenn sie einen anderen Weg nähme, würdest du alles daran setzen, sie wiederzuholen". "Vielleicht war es nicht wirklich unser Pferd", setzte Berglöwe nachdenklich hinzu. Nachtauge begriff inzwischen nichts mehr. Er blickte auf die immer noch deutlichen Spuren vor sich, und es war zu erkennen, dass Schnee den Kampf nicht aufgegeben hatte. Das war seine Hoffnung. Die Diebe würden durch das Sträuben seines Pferdes Zeit verlieren und er sowie sein Vater würden sie bald einholen. Nachtauge trieb sein Pferd, eine zähe Scheckenstute, mit den Fersen an. Das Tier sprang aus dem Stand in einen gestreckten Galopp. Dem Vater blieb nichts anderes übrig, als seinem Sohn zu folgen.

In einem Tipi am North Saskatchewan saßen zwei Frauen am Feuer; lange Zeit schweigend. "Ich habe es nicht erst einmal erlebt", begann die ältere von beiden zu sprechen. "Es wiederholt sich immerfort und du kannst nur Vertrauen haben. Weißt du, Tochter, die Zeit eines jeden ist begrenzt, und glücklicherweise weiß keiner, wann diese Grenze kommt. Ich hatte zu oft Angst um meinen Sohn, so dass ich nun keine Angst mehr um ihn habe. Nun ist es der Enkel, um den ich mich sorge. Die Eingangsklappe wurde geöffnet. Rotflügel schlüpfte zu den Frauen herein. Mondkiesel blickte überrascht auf das junge Mädchen, schwieg aber. Rotflügel setzte sich still zu den Frauen. "Wir wissen auch nicht mehr als du, Kind. Wenn es dir aber gut tut, bei uns zu sitzen, dann bleib". Die Großmutter bedachte bei diesen Worten das Mädchen mit einem wissenden und zugleich verständnisvollen Blick.

Rotflügel errötete. Ihr war es inzwischen peinlich, dass sie auf diese spontane und direkte Weise ihre Gefühle für Nachtauge bekannte. Großmutter sprach weiter. "Es ist viele Sommer her, dass mein Mann aufbrach, um die Spur eines Mustangs zu verfolgen. Es war ein Hengst ohne Herde und muss ein außergewöhnliches Tier gewesen sein. Mein Mann hatte ihn nur einmal gesehen und war von dem Wunsch besessen, dieses Pferd zu fangen und zu zähmen. Berglöwe machte gerade seine ersten Schritte, als Singt mit dem Wolf aufbrach. Er kehrte nie zurück". Mondkiesel kannte die Geschichte. Die außergewöhnliche Leidenschaft für besondere Pferde hatte Singt mit dem Wolf irgendwo zwischen den Bergen das Leben gekostet. Er ließ eine junge Frau und einen kleinen Sohn zurück, der die Pferdeleidenschaft des Vaters in sich trug. Dennoch war die Situation derzeit eine andere. Vater und Sohn folgten keinem unbekannten Pferd. Wohin die Suche aber beide führen würde, war ebenso ungewiss.

Über der Prärie wölbte sich ein klarer Sternenhimmel. Nachtauge und Berglöwe saßen in einer Senke an einem kleinen Feuer, zu dessen Nahrung sie mehrere Stauden des Präriesalbeis zusammengetragen hatten. Irgendwo in der Ferne heulte ein Kojote. die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Dann war es wieder still bis auf das Flüstern des leichten Nachtwindes in den Halmen des verdorrten Grases. Die beiden waren gut vorangekommen. Morgen würden sie vorsichtiger sein müssen, denn sie verließen dann das Stammesgebiet der Cree. Es war mehr als ungewiss, wie sich die Assiniboine ihnen gegenüber verhalten würden. Nachtauge hatte sich in seine Decke eingerollt und lag, zum Sternenhimmel blickend, neben seinem Vater. "Lass uns schlafen. Es wird ein anstrengender Tag morgen". Berglöwe schien, als hätte er die Situation schon einmal erlebt, nicht genau so, aber ein Pferd spielte eine Rolle dabei.

Im diffusen Licht nach Sonnenuntergang verlor der Krieger die Spur des Hengstes. Er befand sich bereits zwischen den kleineren Geschwistern der großen, mit ewigem Schnee bedeckten Berge. Mit der beginnenden Nacht kam ein kalter Wind von diesen Bergen herunter. Der Cree suchte eine geschützte Stelle und bereitete sich auf die Nacht vor. Er befand sich im Grenzgebiet, dort, wo sich die Jagdgründe von Cree, Sarcee und Blackfeet trafen, nahe des Oberlaufes des North Saskatchewan. Der Krieger hobbelte sein Pferd, das heißt, er verband dessen Vorderbeine an den Fesseln mit einer Lederschlinge. Auf ein Feuer verzichtete er. Nachdenklich kaute er an einem Streifen getrockneten Büffelfleisches. Er musste den Hengst finden. Es war ein unvergleichliches Tier, fast schneeweiß. Nur Kopf, Hals, Brust und Vorderbeine waren grau, und dieses Grau mischte sich in Richtung der Kruppe in unregelmäßigen kleinen Flecken unter das makellose Weiß der hinteren Pferdehälfte. Er schien ein Einzelgänger zu sein, entweder zu jung, um sich eine Herde zu erobern, oder er fand die Einsamkeit einfach besser. Das gab es: Hengste, die allein die Prärie durchstreiften und nur gelegentlich in die Herde eines fremden Hengstes einbrachen, sich eine der Stuten raubten und mit dieser einige Wochen in der Prärie verbrachte, bis es die Stute hochträchtig wieder in den schützenden Kreis der Herde zog.

Am anderen Morgen versuchte der Cree, die Spur wieder aufzunehmen. Er bewegte sich in ihm unbekannten Gelände. Als er an einem kleinen Fluss anlangte, fand er im feuchten Uferbereich die gesuchten Abdrücke der Hufe, die unvermittelt vor einer leicht ansteigenden Felsplatte endeten. Der Krieger wusste, welche Richtung er einzuschlagen hatte. An beiden Seiten des Flusses verhinderte ein Dickicht aus Unterholz und Fichten das Eindringen eines so großen Tieres, oder erschwerte es zumindest. Er begann, das Pferd am Kinnriemen führend, die Felsplatte zu besteigen. Sein Pferd mühte sich unsicher über die feuchte Schräge des Felses. Neben ihnen stürzte das Wasser in Kaskaden herab, jedes andere Geräusch verschluckend.

Das Gelände senkte sich wieder. Der Cree fand sich unvermittelt in einer Sackgasse. Er befand sich jetzt in einer tiefen Schlucht. Weiter vorn sperrte eine senkrechte Felswand, von welcher der Fluss als Wasserfall herabkam, den Weiterweg. Links und rechts stiegen die Hänge steil an. Wo konnte der Hengst seinen Weg gefunden haben? Der Indianer führte sein Pferd noch ein Stück weiter. Und dann entdeckte er eine Lücke im Unterholz und den schmalen Pfad eines Wildwechsels, der diagonal den Steilhang hinaufzuführen schien. Der Mann ließ sein Pferd zurück. Er wollte diesen Pfad erst erkunden, bevor er sich der Mühe und dem Risiko aussetzte, sein Pferd diesen Pfad wieder hinabführen zu müssen. So stieg er, zur Vorsicht mit der elastischen Steinkeule in der Rechten, den Steilhang hinauf. Das Dickicht lichtete sich, je höher er kam. Als er auf der fast graslosen und felsigen Höhe anlangte, fand er ein ovales Tal vor sich. Am Talboden graste eine Pferdeherde. Etwas abseits stand ein grauweiser Hengst auf einem Felssporn. Weiter hinten im Tal blitzte der Spiegel eines Sees. Es war ein Bild vollendeter Harmonie.
'Nein - du sollst hier bleiben. Niemals werde ich dich je wieder verfolgen. Entschuldige, dass ich dein Paradies entdeckte' dachte der Indianer. Er begann, den Pfad wieder hinabzusteigen. "So ein Schelm", murmelte er dabei vor sich hin, "durchstreift die Prärie, sucht sich die besten Stuten und bringt sie hierher". Er hatte immer noch dieses vollkommene Bild dieses Tales vor Augen, als unter einem seiner Füße ein Stein zur Seite rollte. Es folgte ein unüberschaubarer Wirbel von Bildern; dann spürte der Cree einen furchtbaren Schmerz der von der Nierengegend bis in den Bauch drang.

Berglöwe fuhr hoch. Zum zweiten Mal in seinem Leben war er in einem Traum am Sterben. Mit dem zurückkehrenden Bewusstsein erkannte er den geträumten Hengst wieder. Es war Schnee und er war es wiederum nicht - ein anderes Pferd aus einer anderen Zeit. Berglöwe wusste aus den Erzählungen seiner Mutter, dass sein Vater einst einem Mustang gefolgt war, um ihn zu seinem Pferd zu machen. Plötzlich begriff er: Diese Art von Pferden würde niemandem gehören.

Die aufgehende Sonne färbte den Himmel. Berglöwe weckte seinen Sohn. "Lass uns zurückreiten; ich erzähle dir alles später". Nachtauge blinzelte ihn verschlafen an, "Was ist, hast du Schnee gefunden?" Dann stand er auf und schaute sich um. Sein Blick wurde immer trauriger. "Es war ein Traum. Ich hörte seinen Hufschlag, und ich fühlte seine Nähe. Er ist nicht da". "Ich hatte ebenfalls einen Traum, Sohn, Ich werde ihn dir erzählen, wenn wir wieder im Lager sind". "Lass uns der Spur noch ein Stück folgen. Ich habe noch immer die Hoffnung, ihn zu finden". "Gut, reiten wir." Beide aßen ein Stück getrocknetes Büffelfleisch und danach brachen sie auf.

Fels im Eis lag neben einer kalten Feuerstelle mit weit aufgerissenen Augen auf dem Rücken. Haare und Gesicht waren von Blut verkrustet. Sein Schädel wies eine klaffende Wunde auf. Knochensplitter spießten seltsam weiß aus dem Dunkel des geronnenen Blutes. Nicht weit davon lag ein anderer Assiniboine mit ausgebreiteten Armen auf dem Bauch. Das Jagdhemd war zerfetzt und blutverklebt. Um die Toten herum war die Erde von Pferdehufen aufgerissen. Von Pferden jedoch war weit und breit nichts zu sehen. Eine einzige Spur im Gras deutete in gerader Linie die Richtung der untergehenden Sonne an. "Ich weiß, wo er ist. Wir sollten ihm aber nicht mehr folgen. Er lebt nicht wirklich in unserem Leben, und wir haben kein Recht, in dieses, sein Leben einzugreifen. Wir können dankbar sein, dass er uns eine Zeit lang begleitet hat. Es ist der Geist eines der wunderbarsten Pferde, glaube mir". Nachtauge schwieg. Wenn er seinen Vater im Augenblick auch nicht verstand, respektierte er doch dessen Urteil.


Die Bärenkinder befanden sich gerade im Aufbruch zum Winterlager. Auf dem Kamm der Uferhöhe tauchten zwei Reiter auf. Rotflügel bemerkte sie zuerst. Nachtauge glaubte seinen Augen nicht zu trauen. Ein junges Creemädchen kam auf ihn zugerannt. Müde ließ er sich vom Pferderücken gleiten. Im ersten Moment war es ihm peinlich, dass ihn ein Mädchen umarmte und mit Küssen bedeckte. Berglöwe lächelte und fand einen Moment lang den Blick seines hilflosen Sohnes. "Nicht das, was wir wünschen oder wollen, gewinnen, geschweige denn behalten wir. Nimm das, was zu dir findet und halte es fest."

In der "Indian Kitchen" in Edmonton/Alberta hängt die Reproduktion eines Ölbildes - eine Gruppe Mustangs über die Prärie galoppierend. Ray, der arbeitslose Stadt-Cree, dessen Stammesurmutter eine Bärin ist, wie er selbst sagt, kann man in der Regel allabendlich in dieser "Kitchen" antreffen. Wird vielleicht, durch diese Reproduktion inspiriert, das Thema Pferde angesprochen, wird Ray von seinem "Ghost Horse" erzählen, einem Mustang, von welchem er in fast einer jeden Nacht träumt. Er hört den Hufschlag und fühlt die Nähe des Pferdes. Er kann es aber nie sehen.

Claudia & Wolfgang Strahl

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